Schublade oder nicht

Schubladendenken ist modern und verbreitet. Es erleichtert das Leben, weil man sich auf Menschen, die man in eine Schublade gesteckt hat, verlassen kann. Wenn jemand konservativ ist, ist er konservativ. Und der ohne Rückgrat ist ohne Ausnahme ohne Rückgrat. Es ist zu einfach, als dass man davon abweichen möchte.
In der Kirche beobachtet man ähnliches. Da gibt es die Liberalen, die Linken, die Progressistischen oder Progressiven und dann gibt es – auf der anderen Seite – die Konservativen, die Rechten, die Papsttreuen usw.
Pastoralassistent Winfried Kappl hat beim letzten Sonntagsgottesdienst in Ottensheim darauf hingewiesen, dass wir in der Kirche schon „Testfragen“ entwickelt haben, um schnell abzuchecken, wer auf welcher Seite steht. „Wie hältst du’s mit dem Papst, dem Bischof?“, „Was sagst du zum Frauenpriestertum?“, „Welche Meinung zur Sexualmoral der Kirche hast du?“ und ähnliche Fragen sollen möglichst schnell offenbar werden lassen, ob jemand in die eine oder andere Schublade passt.

BirgitH / pixelio.de


Schwarz-Weiß ist nicht so einfach

Das geht auch ins Politische. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich Nachteile in Kauf genommen habe, weil man mich entweder schon in eine Schublade gesteckt hatte oder – auch das kommt vor – mich nicht einordnen kann. Das will ich mir für mein ganzes Leben bewahren. Mir geht es um Ideen, um Prozesse, um Taten, um Veränderungen zum Positiven, um Bewahrung und Beibehaltung von Gutem, um Nachhaltigkeit.
Wenn ich sage, dass mir eine nachhaltige, umweltbewusste Wirtschaft wichtig ist, bin ich ein Grüner. Wenn ich gut finde, wie Landeshauptmann Pühringer zur Kirche steht, wie er sich um Solidarität im Land kümmert oder wenn ich mich durch die Beamtengewerkschaft gut vertreten fühle, bin ich ein Schwarzer. Wenn ich den Kampf für die Rechte der ArbeiterInnen, eine gute Vertretung durch die Arbeiterkammer schätze, bin ich ein Roter.
Leider ist auch hier Schwarz-Weiß nicht so einfach. Was ich wähle? Das entscheide auf jeder kommunalen Ebene danach, was ich für unterstützenswert empfinde. Und das ist nicht überall gleich.
Und kirchlich? Ich verweigere mich grundsätzlich einem Schwarz-Weiß und Einschubladieren. Weil ich ein Jahr in einer charismatischen Ordensgemeinschaft war, bin ich für manche ein Konservativer. Das hat damals wohl gestimmt. Weil ich feministische Theologie unterstütze, darüber meine Diplomarbeit geschrieben habe und ein Binnen-I verwende, bin ich ein ganz, ganz Linker.

Weltoffen

Mir ist Offenheit wichtig. Ja, ich weiß, das klingt etwas romantisch. Sag doch, dass du so oder so bist. Deklariere dich! Ich deklariere mich sehr, sehr gern. Mein Bekenntnis heißt Leben aus dem jesuanischen Geist. In einer Kirche, die sich nicht selbst in die Mitte stellt. In einer Gesellschaft, der Solidarität wichtig ist. In einer Welt, in der der einzelne Mensch mehr zählt als die geldverblödeten Finanzunternehmen und die wirtschaftsmanipulierten PolitikerInnen.

Ärgernis

Leider ist genau das für viele ein Ärgernis. Man hätte lieber Menschen, die parteitreu, einordenbar und daher auch leichter abzuservieren und zu kontrollieren sind. Sorry, das geht bei vielen Menschen nicht. Und umgekehrt glaube ich, dass die Sehnsucht vieler, die sich deklarieren oder deklarieren müssen, sehr groß ist, aus diesem System auszubrechen. Denn es wird dem Menschen nicht gerecht. Wenn ich es Ernst nehme mit der Freiheit der Christenmenschen, dann werde ich zum Ärgernis. Früher oder später.

About these ads

Über Andreas

Ich bin 34, Theologe (Studium in Linz), Vater, habe in Wien ins Wirtschaftsstudium geschnuppert und erste Erfahrungen als Redakteur gesammelt im Kommunikationsbüro der Diözese Linz. Bin gerne in sozialen Netzwerken, online wie offline, aktiv und blogge hin und wieder. Ich koche und reise für mein Leben gern. Nach einem Jahr als Lehrer und Klassenvorstand bin ich nun als Pastoralassistent tätig. Zur Zeit mache ich mit meiner Frau die Ausbildung zum Referenten in der Ehevorbereitung.

Veröffentlicht am 11. Oktober 2012 in Persönliches, Politik & Gesellschaft, Theologie & Kirche und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Hinterlasse einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: