Ma(h)l was anderes – Mahlkultur

Für die März-Ausgabe der MitarbeiterInnen-Zeitung „informiert“ (Artikel auf dioezese-linz.at) habe ich Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger und Univ.-Ass. Dr. Christoph Freilinger zum Thema „Mahlkultur“ interviewt.

Welche Bedeutung hat das Mahl heute?

Bild: s.media / pixelio.de

Rosenberger: Wenn ich einmal beim durchschnittlichen Menschen anfange, stelle ich fest, dass Theorie und Praxis sehr weit auseinandergehen. Einerseits ist die Sehnsucht nach qualitätsvollen, entspannten und gut gestalteten Mählern sehr hoch. Man sieht in empirischen Studien, dass die Zeit, die Menschen zum Essen verwenden, vor allem am Wochenende wieder sehr ansteigt in den letzten Jahren. Wenn man einmal beim Mahl sitzt, dann nimmt man sich die Zeit. Andererseits gelingt das im Alltag kaum, hier beherrscht Fastfood unsere Praxis. Es gibt Kantinenessen, schnell zwischendurch, das wird eingeschoben, wo es die Arbeit nicht so sehr beeinträchtigt, nicht viel Zeit kostet. Es muss schnell gehen, es muss möglichst auch kostengünstig sein. Also einerseits eine große Sehnsucht, allerdings bekommen wir es im alltäglichen Umgang nicht hin, fürs Essen die Zeit zu haben, die Tischgemeinschaft zu haben, die wir uns vorstellen. Da kommt dann noch etwas Zweites hinzu beim Stichwort „Tischgemeinschaft“: Es war ja früher relativ unkompliziert, dass die Familien sich gemeinsam die Zeit zum Essen genommen haben. Dadurch, dass heute jede/r seinen bzw. ihren eigenen Arbeits- und Lebensrhythmen hat, ist das während der Woche schier unmöglich geworden. Man muss sich anstrengen und viele können es gar nicht, weil die Zwänge des Arbeits- oder Schülerlebens bestimmend sind. Das heißt daher auch, dass sich das Familienmahl auf den Sonntag konzentriert. An diesem Tag wird eine sehr hohe Erwartung an das gemeinsame Essen gestellt. Das hat den Nebeneffekt, dass manchmal so lange gefrühstückt wird, dass man nicht mehr in die Kirche kommt.

Freilinger: Da es beim Essen um etwas Existentielles, Lebensnotwendiges geht, rührt es immer an eine religiöse Dimension. Essen ist im doppelten Sinn eine „Schnitt“-Stelle: Es ist mit dem Messer eine Schnittstelle zwischen Tod und Leben. Das scheint mir auch sehr wichtig für ein Eucharistieverständnis. Es liegt darin eine doppelte Grundhaltung. Auf der einen Seite Dankbarkeit, so wie sich der Jäger bei dem Tier bedankt(e), dass es sich töten ließ. Oder christlich gewendet: Wir bedanken uns bei Gott, dass er für uns sorgt. Das ist Dankbarkeit als Grundhaltung, die realisiert, dass wir das Leben nicht aus uns selber haben, sondern, um leben zu können, immer auf andere und anderes angewiesen sind. Die Tradition nennt das auch Demut – ich empfange Leben und kann es nicht „machen“. Es geht also um eine Dankbarkeit, die natürlich menschlich angelegt ist beim Essen, weil wir zerstören müssen, um leben zu können. Das betrifft Tiere, aber auch Pflanzen, die zerrieben werden, um zum Lebensmittel zu werden. Bei der Kultur des Mahles kommt noch eine weitere Grundhaltung ins Spiel: jene der Liebe, die bereit ist, von dem, was mein Leben nähren kann, anderen zu geben, damit sie Leben haben. Es ist die Bereitschaft, Leben zu teilen im Lebensmittel. Das ist etwas Grundmenschliches, zunächst unabhängig von einer religiösen Konnotation. Es gilt aber auch im religiösen und christlichen Kontext, in der Eucharistie. Diese ist Lebenshingabe, Teilen von Leben schlechthin, die bei Christus buchstäblich am Kreuz vollzogen wurde und im Abendmahlssaal mit prophetischen Zeichen in Brot und Wein vorweggenommen und abgebildet ist. Man kann also nicht die allgemein menschliche und die religiöse Dimension trennen, sondern die eine verdichtet die andere und macht jede anschlussfähig in alle Richtungen.

Sehr früh spielte das Mahl als Zeichen der Gastfreundschaft kirchlich eine Rolle. Wie kann Kirche heute gastfreundlich sein?

Freilinger: Das ist ein sehr breites Feld. Bei mir fängt da jetzt einiges zu schwingen an. Im Kulturhauptstadtjahr (Linz 2009) haben wir sehr bewusst Gemeinden motiviert, zur Sonntagskultur einzuladen, mit der Grundperspektive, gastfreundlich zu sein. Es ging darum, einzuladen, nicht um etwas aufzustülpen, sondern auch um nach dem Gottesdienst zusammen zu sein. Dabei war das Kulinarische ein großer Anreiz. Gastfreundschaft drückt ja eine Grundhaltung des Offenseins aus, offen zu sein für das „andere“, das mit dem Gast hereinkommt und bei einer Kultur des Mahles Platz hat, Raum bekommt und bereichert.
Was die ökumenische Gastfreundschaft betrifft, gibt es zunächst die Schwierigkeiten der rechtlichen Regelungen. Theologisch gibt es zwei Grundpositionen. Die eine Position geht davon aus, dass das Mahl, auch das eucharistische Mahl, Kraft und Nahrung auf dem Weg zur Gemeinschaft ist. Die andere Position sagt, das Mahl ist Ausdruck und Zielpunkt der erreichten Gemeinschaft und darf erst dann gemeinsam gefeiert werden. Momentan steht beides relativ unversöhnlich nebeneinander. Von der Mahlpraxis Jesu ließe sich grundsätzlich eine große Offenheit ableiten. Die Schwierigkeiten liegen heute wesentlich in Fragen des Amtsverständnisses.

Rosenberger: Zum Wesen der Gastfreundschaft gehört, wie Herr Freilinger schon sagte, die Begegnung mit dem Fremden. Wenn ich Gastfreundschaft üben will, sowohl im profanen als auch im kultischen Bereich, brauche ich sehr klare Regelungen. Wenn man in die Kulturgeschichte Europas oder des Abendlandes schaut, und man könnte wahrscheinlich auch in andere Kulturkreise schauen, dann sieht man, dass schon sehr früh sehr genaue Regelungen gemacht wurden, was der Gast tun darf oder nicht tun darf bzw. was der Gastgeber tun soll und was er nicht tun soll. Man kommt also in einen Bereich hinein, der sehr delikat ist. Wenn man an die eigene Kindheit zurückdenkt, haben wir sehr schnell gelernt, wie man sich als Gast verhält oder wie man sich gegenüber Gästen verhält. Das bekommen Kinder sehr bald gesagt, weil es sonst leicht zu Reibungen und Verstimmungen kommen kann. Es handelt sich um ein sensibles Verhältnis zwischen Gast und Gastgeber, es kann dabei viel schiefgehen. Deshalb machen wir sehr genaue Regeln, wie das abläuft. Auch mit dieser moraltheologische Brille blickt man auf die Eucharistiegemeinschaft. Wenn man allerdings bedenkt, dass wir vor 60 Jahren noch nicht einmal an einem Wortgottesdienst in der anderen Kirche teilgenommen oder mitgebetet haben, dann haben wir schon gewaltige Fortschritte gemacht in der Gastfreundschaft. Dass das noch nicht der Endzustand ist, ist klar, aber man sollte auch die Entwicklungen nicht unterschätzen, die wir schon gegangen sind.

Freilinger: Ich möchte noch einen zweiten Aspekt von Gasfreundschaft als Kirchengemeinde ansprechen. Das eine war jetzt der Blick über die ökumenischen Grenzen hinweg. Mir wird aber auch mehr bewusst, dass jene, die sich heute zum Gottesdienst treffen, sich auch als Gastgeber gegenüber solchen verstehen, die „zufällig“ zu Hochfesten oder bestimmten Kasualien hinzukommen. Liturgisch geschieht sehr viel für „Insider“. Die Frage ist, wie können wir auch „Gastmeister“ benennen, die helfen, sich im Raum und im Ritual zurechtzufinden? In der alten Kirche gab es die „Ostiarier“, die am Tor empfangen und den Platz zugewiesen haben …

Rosenberger: … die aber auch manchen die Tür zugemacht haben (lacht).

Freilinger: Auch das (lacht). Ich meine vor allem: Wie können wir die Situation ernst nehmen, dass Leute dazukommen, die keine Insider sind, die sozusagen „nicht voll initiiert“ sind, trotzdem aber im Sinne der liturgischen Diakonie empfangen werden. Das bedeutet nicht, sich an diesen auszurichten, aber zu schauen, was ihnen helfen könnte, sich willkommen zu fühlen. Das fängt schon mit dem Wegweiser an, der die banale Frage beantwortet: „Wie komme ich in die Kirche hinein?“ Es stellt sich die Frage, ob ich empfangen und willkommen bin oder ob ich zuerst eine Hürde überwinden muss.

Rosenberger: Ich war in Würzburg die letzten Jahre, bevor ich nach Linz kam, und habe dort in einer Pfarre mitgearbeitet, wo sehr viele kamen, die nicht zur Pfarre gehörten. Im Gottesdienst waren mindestens 50 Prozent, die von irgendwo anders her kamen, darunter auch immer ein Teil Ausländer, insgesamt ein sehr buntes Publikum. Da haben wir tatsächlich den Dienst der Ostiarier wieder aufleben lassen. Wir haben sie mit dem amerikanischen Begriff der „greeter“ – „die Begrüßer“ – benannt. Jeden Sonntag standen zwei Personen eine Viertelstunde vorher am Eingang und haben die Leute, die sie nicht kannten, hineingeführt. Das ist sehr gut angenommen worden.

Freilinger: Oder wer spricht Leute nach dem Gottesdienst an, ob sie ins Pfarrcafé mitgehen? Das ist ein wichtiger Ort der Begegnung, und trotzdem fühlt sich oft niemand zuständig. Es könnte eine große Hilfe sein, wenn man den Dienst abwechselnd einteilt, solche Menschen anzusprechen, die nicht schon bekannt sind.

Noch einmal zum Essen. Slowfood und Entschleunigung sind im Trend, genauso wie Regionalität und Saisonalität. Welche Impulse kann diese „religio“ – Rückbindung – des Essens an die Gegebenheiten der Natur liefern?

Rosenberger: Zunächst hängt das stark mit der Frage der Dankbarkeit zusammen. Wenn ich wirklich aus ganzem Herzen und reflektiert dankbar bin für das, was ich empfange, dann stelle ich mir auch die Frage: „Was kann ich tun, um die Eingriffe in die Schöpfung zu minimieren? Was kann ich tun, um diese ‚Zerstörung‘, die auch notwendig ist, zu mindern?“ Da gehören dann auch die Fragen dazu, mit wie viel Energieaufwand und mit wie viel Düngemittel und Spritzmittel Lebensmittel angebaut werden, wie sie transportiert werden. Und da kommen Regionalität, Saisonalität, fair gehandelte Waren und ökologische Landwirtschaft ins Spiel. Diese Faktoren sind die Konsequenz aus dieser Dankbarkeit und Sensibilität für das Geschenk der Lebensmittel. Gerade im kirchlichen Bereich müssen wir das daher sehr aufmerksam pflegen. Bei Fairtrade beispielsweise sind die Kirchen Vorreiter gewesen. Ohne uns wäre Fairtrade wahrscheinlich lange nicht so weit und bekannt, wie es heute ist. Was die anderen Kriterien angeht, haben wir einen gewissen Nachholbedarf, uns das wieder neu bewusst zu machen. Etwa bei Pfarrfesten, wenn es darum geht, was angeboten wird, oder bei Pfarrcafés und Festlichkeiten. Man sollte uns als Kirche daran erkennen, wie wir Mahl halten. Und da haben wir noch Potenziale. So wie die Emmausjünger Jesus am Brotbrechen erkennen, sollte man uns auch an der Art und Weise erkennen, wie wir mit Mahlzeiten umgehen. Das sollte eine besondere Qualität haben.

Freilinger: Das fließt auch aus einem bestimmten Eucharistieverständnis heraus, wo es um Lebenshingabe geht. Früher sprach man von „Kommunion konsumieren“, von „verbrauchendem In-sich-Aufnehmen“. Wenn wir die Lebenshingabe verinnerlichen, heißt das auch, verantwortlich mit Schöpfung umzugehen, Leben gerecht zu gestalten mit Blick auf die, die Opfer sind. Insofern ist eine Eucharistiespiritualität mehr als eine Kommunionfrömmigkeit im Sinne von „Sich-Einverleiben“. Es ist gut, zu realisieren, was „Sich-Hingeben“ heißt, auch mit Blick auf das, was es kostet. Das bringt mich zu den Grundhaltungen im Alltag. Dass ich sehe, woher ich das, was ich brauche, beziehe.

Rosenberger: Für mich heißt das auch, dass wir eine neue Aufmerksamkeit brauchen für eine eucharistische Mahlkultur. Ich kann nicht von qualitätsvollen Lebensmitteln sprechen im weltlichen Bereich und dann nicht schauen, wo die Lebensmittel Brot und Wein der Eucharistie herkommen. Ich muss dann auch darauf schauen, wie das Mehl und der Wein produziert werden, die ich verwende; ob das regionale Produkte sind. Ich komme aus einem Weinbaugebiet in Franken und hatte trotzdem Gastpriester, die einen spanischen oder südfranzösischen Wein nahmen. Da denke ich, dass das gar nicht sein kann, wenn ich schon mitten im Weinbaugebiet sitze. Für mich ist dann eine weitere Überlegung, wie viel Zeit ich mir für die Eucharistie nehme – Stichwort „Slowfood“. Manche schauen am Sonntag nur auf die Uhr und wollen wissen, wann es vorbei ist. Keine Zeit zu haben tötet jede eucharistische Mahlkultur ab.

Freilinger: Das geht weiter hinein in den Bereich des eucharistischen Vollzugs, wo es bei uns üblich ist, sich zum Kommunionempfang anzustellen wie bei einer Mensaausspeisung. Es ist nicht eine Form des „Miteinander-Verweilens“, Teilens und Essens, das sich auch auf Basis der Rubriken im Messbuch durchaus sinnvoll gestalten ließe.

Rosenberger: Man kann auch fragen, wie wir mit der Kelch-Kommunion umgehen. Ist das nur einmal im Jahr für alle? Könnte es nicht auch so sein, dass die ganze Gemeinde die Kelchkommunion miteinander teilt, so wie sie das Brot teilt? Wir halbieren im Grund unser eucharistisches Mahl.

Freilinger: Und wir haben sehr stilisierte Zeichen. Das Messbuch sagt deutlich, es sei eine Materie zu verwenden, die eindeutig als Lebensmittel zu erkennen ist und geteilt werden kann. Das ist eine Rubrik, die wir verletzen, obwohl dort steht, man könne aufgrund bestimmter Gegebenheiten auch Hostien verwenden. Das ist aber praktisch die zweite Wahl, die bei uns zur Regel geworden ist. Das, was der Feier einmal den Namen gegeben hat, das Brot brechen, passiert bei uns in Hostienstanzereien.

Eine persönliche Frage: Haben Sie heute schon Fleisch gegessen?

Rosenberger: Nein.

Freilinger: Nein.

Der katholische Theologe Guido Fuchs meint: „Wo Filets zu Ramschartikeln werden, sollten auch Christen über ihren Konsum nachdenken.“ Müssen wir alle VegetarierInnen werden?

Rosenberger: Als Pflicht sehe ich den Vegetarismus nicht. Die Schwierigkeit ist, dass wir, auch wenn wir vegetarisch leben, von Lebewesen leben. Wir müssen trotzdem Lebewesen töten. Ein Salatkopf ist auch ein Lebewesen. Wenn ich ihn absäble, habe ich ihn auch getötet. In sich logisch und konsequent wäre eigentlich nur das Leben der Frutarier, wo man nur von Früchten lebt, die der Baum oder der Strauch als „Zugabe“ schenkt. Nur das ist realistisch für die ganze Menschheit nicht machbar. Da könnte theoretisch eine kleine Gruppe davon leben, der Großteil der Menschheit aber nicht. Insofern ist der Vegetarismus keine strikte Verpflichtung. Trotzdem geschieht der Fleischverzehr viel zu unreflektiert bei uns. Wir könnten und sollten mit viel weniger Fleisch gut leben. Für eine Kalorie Rindfleisch werden zehn Kalorien Futtermittel gebraucht. Es ist also auch eine ineffiziente Weise des Essens. Das was wir an Fleisch essen, fehlt Menschen an Lebensmitteln in ärmeren Ländern. Der hohe Fleischkonsum hat auch etwas mit der Welternährungsproblematik zu tun. Es ist auch eine Frage des Tierschutzes. Wir können diesen hohen Fleischkonsum, den wir in Österreich oder in Mitteleuropa haben, nicht mit einer kleinbäuerlichen und artgerechten Tierhaltung organisieren, sondern da ist Großteil Massentierhaltung und industrielle Tierhaltung. Es hat aber auch etwas mit meiner Gesundheit zu tun. Jeder Arzt wird einem erzählen, dass der durchschnittliche Fleischkonsum in Österreich ungesund ist. Wir tun uns damit selber nichts Gutes. Und schließlich ist es auch eine Frage des Treibhauseffektes, den die Tierhaltung weltweit mit 15 Prozent fördert. Wenn wir unseren Fleischkonsum weltweit halbieren, haben wir den Treibhauseffekt damit um sieben bis acht Prozent reduziert. Das ist ja eine ganze Menge.

Freilinger: Daheim habe ich es sehr praktisch und handfest. Zwei Buben, für die es am liebsten dauernd Fleisch sein soll, und die Tochter, die seit einigen Jahren kein Fleisch mehr isst, weil es ungerecht ist, Tiere zu töten, nur damit wir sie essen können. Ich bin mir nicht sicher, ob dies auch eine Genderfrage ist.

Rosenberger: Doch, eindeutig.

Freilinger: Ich denke auch, dass man nicht Vegetarier bzw. Vegetarierin sein MUSS. Aber es ist mir wichtig, auch den Kindern zu vermitteln: Lieber weniger Fleisch, aber wenn, dann qualitätsvoll. Wir fahren dann auf den Markt und kaufen bei einem regionalen Bauern. Es kostet dort ein Mehrfaches im Vergleich zu dem in Plastik verschweißten Fleisch im Supermarkt, das möglichst wenig an Schlachten oder Derartiges erinnert. Auf dem Markt oder auf dem Bauernhof kostet es mehr, das können und wollen wir uns nicht dauernd leisten. Darum gibt es daheim so etwas wie eine Sonntags- und Festtagskultur, wobei ich nicht ausschließe, dass es auch unter der Woche immer wieder Fleisch gibt.

Aktionen wie ein „FleischfreiTag“ machen also durchaus Sinn?

Rosenberger: Absolut. Fleisch war früher immer das Lebensmittel der Reichen, ein Zeichen von Wohlstand, Festen oder besonderen Anlässen. Deswegen gibt es die alte Tradition nicht nur im Christentum, dass bestimmte Tage fleischfrei sind. Bei uns im Christentum waren das der Freitag, der Mittwoch, sogar noch ein anderer Tag. Am Sonntag oder Feiertag wurde dann ganz bewusst Fleisch gegessen. Das ermöglicht, auch auf dem Teller ein Stück weit die Festzeiten, die Jahreszeiten und Wochentage mitverfolgen zu können. Das hat einen Wert, denn es ist ja furchtbar eintönig und langweilig, wenn man jeden Tag das Gleiche auf dem Teller hat. Wenn es jedoch Kontraste gibt, wird das Leben reicher und interessanter.

Freilinger: Das hat auch etwas mit Rhythmisierung von Zeit zu tun, die wir fast aufgegeben haben, auch im kirchlichen Milieu. McDonalds hatte vor einigen Jahren für jeden Tag ein bestimmtes Menü, wo die anderen Menüs gar nicht erhältlich waren. Die haben sozusagen diese Rhythmisierung wiedergelernt. Für mich heißt das, wenn ich koche, dass ich zwar einerseits schaue, was zu verwerten ist, sonst aber am Freitag versuche, grundsätzlich ohne Fleisch zu kochen. Das hilft auch in der Entscheidung, was ich koche, obwohl manchmal Fleisch schneller zuzubereiten wäre. Ein Stück Fleisch ist schnell angebraten, das hat schon etwas mit Fastfood zu tun.

Rosenberger: Den FleischfreiTag habe ich als Umweltsprecher mit großer Freude aufgegriffen. Ich habe versucht, möglichst viele kirchliche Einrichtungen zu überzeugen, mitzumachen. Ich meine, es war ein Verlust, dass man nach dem Konzil durch die größere Offenheit sagte, man muss sich nicht sklavisch an das Fleischfrei-Gebot des Freitags halten. Man hat dieses Gut preisgegeben, was ich schade finde. Selbst in vielen gut katholischen Familien ist es heute kein Thema mehr, am Freitag kein Fleisch zu essen. Da kann uns die Umweltbewegung vielleicht eine neue Chance geben, die alten Werte neu zu besetzen und den FleischfreiTag wieder einzuführen, weil das einen großen Wert hat. Wenn ich an den Todestag Jesu denke, kann ich auch bewusst den Tag durch meinen Essensplan anders gestalten.
Die Ordensgemeinschaften haben von Beginn an den Fleischverzehr stark reflektiert und reguliert. Da gab es sehr klare Regeln, welches, wie viel und ob überhaupt Fleisch gegessen wird. Das hatte mit vielen Aspekten zu tun; beispielsweise mit der Frage der liturgischen Zeiten, der geprägten Zeiten; auch mit dem Umstand, dass Fleisch etwas mit Reichtum und Wohlstand zu tun hat. Der Mönch oder die Nonnen sollten ein Stück ärmer leben. Der Ordensvater Benedikt hat nur das Fleisch vom Geflügel erlaubt, während er das Fleisch der vierfüßigen Tiere wie Schweine oder Rinder nicht erlaubte. Geflügel hatte damals auch der arme Mann im Garten, da konnte jeder einmal zugreifen. Die größeren Tiere konnten sich damals nur die Wohlhabenden leisten. Da wollte Benedikt ein Zeichen setzen, wollte nicht so sehr verbürgerlichen und wohlständig sein. Am heiligen Berg Athos hat das noch eine andere Komponente. Die Mönche sagen dort, sie wollen den paradiesischen Schöpfungsfrieden leben, wo Menschen und Tiere sich nicht gegenseitig essen.

Freilinger: Im Mittelalter glaubte man nach damaligem medizinischem und physiologischem Verständnis, dass Fleisch als Energiespender auch sexuelle Energie befördere. Wobei Fische, die sich asexuell fortpflanzen, davon ausgenommen waren. Fische konnte man an fleischfreien Tagen essen, weil sie die „Fleischeslust“ nicht erregten.

Rosenberger: Dass der Fisch anders gewertet wurde als das Fleisch hat eine Menge Gründe. Das ist ist einer davon. Ein zweiter ist, dass der Fisch auch den einfachen Leuten zugänglich war, weil das Fischereirecht nicht reguliert war in den meisten Gewässern. Es konnte jeder an die Donau gehen und sich einen Fisch rausziehen. Damit konnte auch jeder seine Familie mit Fisch ernähren. Die Jagd hingegen war sehr strikt privilegiert, nur für die Reichen und Adeligen. Da war dann wiederum die Option der Mönche, Fische zu essen, eine Frage des Lebensstils und der Armut.

Um noch einmal die Veränderung durch das Konzil anzusprechen: Es gab bis Mitte des 19. Jahrhunderts für KatholikInnen bis zu 170 gebotene fleischfreie Tage, nach dem Konzil sind die Freitage und der Aschermittwoch übrig geblieben, und die auch nicht ganz verbindlich. Ist das in Summe bedauerlich?

Rosenberger: Mit der Regelung der 170 Tage war vieles zu kompliziert und überreguliert, es gab zu viele Besonderheiten. Es ist noch relativ einfach zu sagen, in der Fastenzeit kein Fleisch zu essen. Aber die Regelung vieler anderer Festtage, an denen Fleisch verboten war, war relativ komplex und unüberschaubar. Deshalb, denke ich, war es schon sinnvoll, wieder auf das Wesentliche zu schauen und zu kommen und Dinge zu vereinfachen. Dass wir jetzt im Grunde nur zwei Tage haben, an denen der Verzicht auf Fleisch strikt geboten ist, ist das andere Extrem. Ich würde mir schon wünschen, auch wenn das kirchliche Gebot nicht die Rigorosität hat wie damals, dass man aus freien Stücken wieder eine Kultur des Fleischverzichtes an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Zeiten lebt.

Freilinger: Ich habe den Eindruck, dass das Konzil in einer Zeit war, in der es grundsätzlich um ein Befreien von sehr einengenden und die menschliche Freiheit stark einschränkenden Verboten oder Geboten ging. Da ging der Pendelschlag einmal in eine andere Richtung, was theologisch begründbar war. Auf der menschlichen Ebene, wo wir darauf schauen, was uns als Menschen hilfreich sein kann, müssen wir wieder zurückfinden.
Ein anderes Beispiel: Wir können natürlich überall Gottesdienst feiern, in Mehrzweckhallen, in Bierzelten, egal wo. Aber wir wissen auch, dass der Raum uns im ganzheitlichen Menschsein hilft, über diese Welt hinauszuschauen. Der Raum ist eine Hilfe dabei. Es geht dabei weniger um Verordnungen, sondern darum, umfassender befreit zu sein und an dieser Befreiung mitzuwirken im gesellschaftlichen Gefüge. Das lässt sich weniger durch gesamtgesellschaftliche Verbote regeln, aber im Sinne der Selbstverpflichtung halte ich diese Überlegungen für bedenkenswert.

Rosenberger: Heute gibt es eher die Tendenz, dass es einen Zwang zum Fleisch gibt. Das beginnt mit Angeboten in Restaurants und geht bis in die Familien, wo Männer oft sagen: „Wenn kein Fleisch auf den Tisch kommt, ist das keine richtige Mahlzeit.“ Es gibt also einen Gegendruck, der auch nicht gut tut. Das, was so selbstverständlich scheint und was so unhinterfragt bleibt, sollte Religion hinterfragen. Insofern finde ich einen FleischfreiTag als eine heilsame Infragestellung des Alltagslebens.

Was würden Sie Menschen fürs Essen und fürs Mahlhalten ans Herz legen?

Rosenberger: Man kann viel empfehlen. Was mir wichtig ist, ist eine grundlegende Aufmerksamkeit. Ich lebe von etwas, was ich nicht selber bin und was ich auch nicht selber mache im Sinne des Produzierens, sondern was mir geschenkt wird, was mir von außen zukommt, wofür aber andere Lebewesen ihr Leben geben müssen. Wenn das wieder bewusst wird, ergeben sich die praktischen Konsequenzen von selber.

Freilinger: Das kann ich nur unterstreichen. Für mich hängen sich da viele praktische Konsequenzen daran. Ich greife eine heraus: Mir wird immer wichtiger, dass ich mir Zeit lasse beim Essen. Nicht nur die Zeit, die ich einberaume, sondern auch das Kauen, mir bewusst zu machen: Was mache ich nebenbei? Habe ich das Radio eingeschaltet, lese ich Zeitung oder esse ich? Das schließt die Kommunikation nicht aus, wenn ich Mahl halte. Aber die Frage kann ich mir stellen, ob ich mich dauernd ablenke oder ablenken lasse beim Essen. Das fördert jene Spiritualität, auch zu genießen, was mir geschenkt ist. Deshalb bin ich ein Verfechter von Slowfood, auch wenn es eine Herausforderung ist. Ich esse lieber weniger, aber dafür lasse ich mir Zeit.

 mahlganzanders.de – ein interessantes Blog zum Thema.

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Veröffentlicht am 9. März 2012 in Spiritualität, Theologie & Kirche und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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