Nasengestocher und Dankbarkeit

Unsere Familie ist in Quarantäne. Drei von uns hatten einen Covid-Test. Einer war positiv, ich muss auf mein Ergebnis noch warten. Von Symptombeginn bis zum Nasengestocher dauerte es bei mir acht Tage, weitere vier Tage muss ich auf das Ergebnis warten. Der Kontakt mit der Behörde ist grundsätzlich freundlich, aber wir mussten und müssen uns auf die Füße stellen, um auch wieder aus der Quarantäne entlassen zu werden. Heute wollte uns der Postler zwei Bescheide (vermutlich die Absonderungsbescheide) zustellen, er durfte es aber nicht, weil wir nicht einmal die Empfangsbestätigung unterschreiben dürfen. Blüten eines an die Grenzen kommenden Systems.

Was soll ich sagen? Ich bin froh, dass unser Gesundheitssystem (noch) funktioniert. Wie man den Medien entnehmen kann, kommt Oberösterreich bald an die Grenzen. Nur noch wenige Intensivbetten sind frei. Auch Personen aus meinem Umfeld hat es erwischt – mit teils schwereren Verläufen als bei meiner Frau und mir. Ich bin dankbar darüber, dass wir das Begräbnis meines Opas vor zweieinhalb Wochen relativ „normal“, „nur“ mit Regisitrierung im Gasthaus und den üblichen Abstands- und Hygieneregeln in der Kirche feiern konnten.

Es macht sich bei mir überhaupt viel Dankbarkeit breit, ich bin gesegnet: Habe Arbeit, ein Dach über dem Kopf mit Garten (der sich zwar in der Quarantäne eher wie ein Gefängnishof anfühlt), habe eine Familie (bin also nicht sozial isoliert), habe Freunde und Freundinnen, die für uns einkaufen und nachfragen, wie es uns geht, bin wieder einigermaßen gesund. Außerdem habe ich dank meiner psychischen Rehabilitation viel positive Erkenntnisse mitnehmen dürfen, die mir gerade jetzt in Lockdown und Quarantäne zu Gute kommen: Ich lese wieder mehr, spiele wieder mehr mit meinem Akkordeon. Wenn ich nicht in Quarantäne wäre, würde ich jeden Tag eine Runde rausgehen und die Natur genießen, so wie ich es in der Zeit der Reha auch gemacht habe. Und jeden Tag „durchforste“ ich die Bibel nach Mut machenden Gedanken der Zuversicht. Das alles zusammen gibt so viel Kraft, dass ich manches Übel und manchen Verdruss leichter wegstecken kann. Und am Abend, vor dem Einschlafen, blicke ich wie immer dankbar auf alles zurück, was der Tag so gebracht hat. Auch auf die „Leere und die Einsamkeit, das müde harte Gehen“, das Kathi Stimmer-Salzeder in ihrem Lied „Den Tag leg ich in deine Hand“ beschreibt. Ich kann nur sagen: Ich liebe das Leben in all den Facetten, die es mir gerade bietet, auch in den hässlichen Fratzen, die es manchmal zeigt.

Über Andreas Fürlinger

Ich bin 42, Theologe (Studium in Linz), Vater von zwei Töchtern, habe in Wien ins Wirtschaftsstudium geschnuppert und erste Erfahrungen als Redakteur gesammelt im Kommunikationsbüro der Diözese Linz. Bin gerne in sozialen Netzwerken, online wie offline, aktiv und blogge hin und wieder. Seit September 2018 arbeite ich als Redakteur im Kommunikationsbüro der Diözese Linz.

Veröffentlicht am 10. November 2020 in Allgemein und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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