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Endlich Worte – narrative Aufarbeitung von spirituellem Missbrauch


Ich bin ein lesefauler Mensch, zumindest was gedruckte Bücher angeht. Und die meisten Bücher lese ich nicht zu Ende. Ganz anders war das die letzten beiden Tage, an denen ich die ca. 200 Seiten des Buches von Doris Wagner (verheiratet Reisinger) mit dem Titel „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ „verschlungen“ habe.

Mut

Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich Unbehagen und dass es mir Mut abverlangt, sie im Anschluss irgendwann zu veröffentlichen. Denn ich habe auch spirituellen Missbrauch in einer katholischen Ordensgemeinschaft erlebt, und zwar in der Kongregation der Kalasantiner in Wien. Das ist jetzt schon fast 20 Jahre her, aber an den Folgen leide ich noch heute. Ich merke, dass mir das Buch von Doris Wagner erst nach so vielen Jahren eine Sprache für das verleihen kann, was auch ich durchlebt habe. Es tat so unheimlich gut, in der sensiblen Sprache einer Theologin aufmerksam zu werden für das, was ich bisher zwar zu einem guten Teil aufgearbeitet habe in Therapie, Studium und Reflexion, was in meinem konkreten Fall aber eine psychische Erkrankung zur Folge hatte. Ich hätte spirituelle Vernachlässigung und spirituelle Manipulation vermutlich noch länger ertragen, wäre ich nicht nach fast eineinhalb Jahren in der Gemeinschaft nervlich am Ende gewesen und zusammengebrochen.

Erstes „Aha-Erlebnis“

Das erste „Aha-Erlebnis“ in Bezug auf die Gemeinschaft stellte sich relativ schnell nach dem „Austritt“ ein: Schon im Krankenhaus in St. Pölten sagten Ärzte meinem Vater, der sich um mich kümmerte, dass ich nicht der einzige Fall aus dem Dunstkreis der Kalasantiner wäre, den sie mit psychischen Problemen behandeln würden. Ich wurde dann bald in die psychiatrische Abteilung des niederösterreichischen Landesklinikums Mauer überstellt, wo ich ziemlich genau vier Monate verbrachte, um psychisch wieder halbwegs auf die Beine zu kommen. Nach meiner Entlassung musste ich beginnen, mein Leben wieder auf ein solides Fundament zu stellen und einen neuen Sinn für es zu finden. Wenn ich heute zurückschaue, bin ich sehr dankbar für alles, was ich erreicht habe und dass ich auch gelernt habe, mit meiner psychischen Erkrankung zu leben. Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter, wir haben ein Haus gebaut und ich arbeite als Redakteur in der Diözese Linz. Aber das vielleicht Wichtigste: Ich habe ein solides soziales Umfeld und bin spirituell handlungsfähig.

Spiritueller Missbrauch

Zurück zum Missbrauch: Was ist spiritueller Missbrauch, was geschah, was hat ihn begünstigt, warum konnte ich ihm nicht entgegenwirken?

Dazu bedarf es erst einmal einer Klärung, was denn spiritueller (geistlicher) Missbrauch überhaut ist.

Doris Wagner formuliert es in ihrem Buch so: „Geistlicher Missbrauch ist die Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechtes. Durch diese Verletzung werden Menschen in spirituelle Not gebracht. Das heißt, wer die spirituelle Handlungsfähigkeit einer anderen Person untergräbt, begeht spirituellen Missbrauch an dieser Person.“ (S. 79) Wichtig ist mir, gleich anzufügen, dass das nicht immer bewusst und gewollt oder gar böswillig geschieht. Aber es passiert. Und es ist auch mir widerfahren.

Doris Wagner unterscheidet drei Formen oder Stufen von spirituellem Missbrauch: Spirituelle Vernachlässigung, spirituelle Manipulation und spirituelle Gewalt. Ich möchte meinen Fokus vor allem auf die spirituelle Manipulation legen, weil ich durch die Lektüre des Buches erkannt habe, dass ich vielen Formen von spiritueller Manipulation ausgesetzt war, was nach meinem „Austritt“ zwar immer wieder ungute Gefühle ausgelöst hatte, was ich aber erst heute, nach fast 20 Jahren, wirklich so einordnen kann, wie mir das schon viel früher gut getan und wahrscheinlich auch geholfen hätte.

Weil mir der Hinweis auf spirituelle Manipulation so wichtig ist, möchte ich zwei (längere) Sätze aus Wagners Buch zitieren (S. 99):

„Spirituelle Manipulation liegt dann vor, wenn die spirituelle Freiheit der begleiteten Person nicht einfach unausgebildet bleibt – wie im Falle spiritueller Vernachlässigung -, aber auch nicht direkt und offen angegriffen wird – wie im Falle spiritueller Gewalt (…), sondern subtil mit Hilfe verschiedener Techniken untergraben wird. Wer jemand anderen spirituell manipuliert, macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt – beispielsweise einen bestimmten Blick auf sein eigenes Leben bekommen, eine bestimmte Lebensentscheidung getroffen, ein bestimmtes Gebet gesprochen, Geld gespendet -, während er in Wirklichkeit mit Hilfe bestimmter Techniken dazu gebracht worden ist.

Darum geht es: „…macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt.“

Es fing schon an mit meiner „Entscheidung“, in die Gemeinschaft einzutreten. Vorausgegangen waren viele Monate in einem Gebetskreis der Gemeinschaft, der regelmäßige Besuch von Heiligen Messen, diverse Ausflüge, Wallfahrten usw. Immer wieder gaben Menschen Zeugnis von ihrer geistlichen Berufung, erzählten ihre Berufungsgeschichten, erzählten, wie Gott direkt oder indirekt zu ihnen gesprochen hätte. Mir wurde suggeriert, wenn ich mich geistlich anstrengen würde und mich auf die Führung durch Priester (der Gemeinschaft) verlassen würde, dann würde auch ich meine Berufung erkennen. Freilich, es wurde ausgesprochen, dass die eigene Berufung auch „in der Welt“ gelebt werden könne, aber durch die besondere Inszenierung der geistlichen Berufe (Schwestern, Brüder, Fratres, Patres) und den gezielt eingesetzten familiären Umgang mit jungen Menschen, die, wie in meinem Fall, kirchlich und spirituell noch relativ unerfahren waren, wurde mir und vielen anderen vermittelt, dass es eine besondere Auserwählung oder Gnade wäre, dem Klerikerstand anzugehören. Wenn man dann noch mitbekam, dass die Kleriker(innen) teilweise fast angehimmelt wurden, war es für jemanden, der ganz stark nach Anerkennung oder schlicht Liebe suchte, wie auch ich damals, eine schöne Vorstellung, ebenfalls diesem Stand anzugehören.

Eine andere Form der Manipulation waren die Art und Weise, wie Gebete formuliert und ausgesprochen wurden. Immer wieder wurden Dankgebete, Bittgebete oder Fürbitten so eng und gezielt formuliert, dass ich oft das Gefühl hatte, hier sollte ich oder sollten andere zu etwas Bestimmtem bewegt werden.

Eines Abends, während des Noviziates, wurde ich vom Ordensoberen eingeladen, an einer Veranstaltung teilzunehmen, die für der Gemeinschaft nahestehende Personen gedacht war. Es ging an diesem Abend meiner Wahrnehmung und Erinnerung nach hauptsächlich darum, dass, wenn man die Bibel ernst nimmt, ein guter Christ den „Zehnten“ seines Einkommens zu geben habe. Ich weiß noch, wie ich mich für diese Forderung des Oberen genierte, weil ich sie, zwar theologisch noch ungebildet, aber dennoch für überzogen oder vielleicht sogar unanständig hielt. Das war ein Moment, wo ich damals schon die Vorgehensweise des Ordens – zumindest innerlich – in Frage stellte.

Auch Manipulation durch Abwertung habe ich erlebt. Bei regelmäßigen Novizenstunden mit dem Novizenmeister der Gemeinschaft haben wir immer wieder Abschnitte aus der Bibel „besprochen“. Wir haben in der Bibel gelesen und über das Gelesene „diskutiert“ – und gebetet. Der Novizenmeister hat dann die Aussagen von uns Novizen bewertet, wobei er seine „Lieblinge“ hatte und dafür andere Novizen abwertete, teils durch verletzende Aussagen oder ebensolchen „Humor“, teils durch Mimik oder Gestik.

Besonders verletzend empfand ich es, dass der Novizenmeister einem Novizen, der im Zivilberuf Arzt war, ständig – auf teils subtile Art – zu verstehen gab, dass seine intellektuellen Fähigkeiten im Bezug auf die Bibel nichts bringen würden. Generell war es in der Gemeinschaft üblich, dass Priestern im Bezug auf das Verständnis der Schrift mehr zugetraut wurde als allen anderen, nicht nur wegen des Studiums der Theologie, sondern vor allem deshalb, weil sie eben Priester waren.

Wenn ich noch weiter nachdenken würde, fielen mir noch viele andere Beispiele ein, wie in dieser Gemeinschaft spirituell manipuliert wurde (und vermutlich immer noch wird).

Mein Vater bezeichnet es bis heute als „Gehirnwäsche“, die dort betrieben wurde. Unmittelbar nach meinem „Austritt“ wollte ich das nicht wahrhaben, aber heute denke ich anders darüber.

Als sehr schmerzvoll empfand ich damals jene Grenzverletzung, die es mir untersagte, einen geistlichen Begleiter, den ich schon vor Eintritt in die Gemeinschaft hatte und den ich bis heute schätze, weiter zu kontaktieren. Ich sollte mir jemanden aus der Gemeinschaft suchen. Auch einen Beichtvater innerhalb der Gemeinschaft zu haben, war mehr als üblich und wurde eigentlich erwartet.

Ich habe nun mit Doris Wagner beschrieben, was spiritueller Missbrauch ist und ein paar Aspekte des „Was geschah?“ skizziert. Weiter oben habe ich auch die Fragen gestellt, was den geistlichen Missbrauch begünstigt hat (auf der Seite meiner Person, nicht strukturell, das ist ein eigenes Thema) und warum ich ihm nicht entgegenwirken konnte. Dazu möchte ich aus meiner Biografie erzählen.

Grundsätzlich sind junge Menschen mit wenig Lebenserfahrung, die in vielen Hinsichten noch unreif sind, viel anfälliger für spirituellen Missbrauch als reife Persönlichkeiten, egal welchen Alters, die spirituell handlungsfähig sind.

In meinem Fall waren es neben Jugend, persönlicher Unreife und spiritueller und kirchlicher Unerfahrenheit vor allem auch Erfahrungen der psychischen und physischen Gewalt in Kindheit und Jugend durch meinen Vater, die mich als gebrochenen Menschen zunächst Liebe, Anerkennung und Geborgenheit in der Gemeinschaft der Kalasantiner erfahren ließen. Ich ließ mich anstecken von fröhlicher Musik im Gottesdienst, von tiefgehenden persönlichen Gesprächen mit Schwestern und Patres, von dem Gefühl, eine „Familie“ gefunden zu haben als Ersatz für jene, die ein paar Jahre zuvor durch Scheidung in Brüche gegangen war – meine Herkunftsfamilie. Ich konnte buchstäblich mein Glück nicht fassen, all das erleben zu dürfen. Ich sah mich und die Gemeinschaft plötzlich mit einer rosaroten Brille. Überhaupt war die Welt plötzlich schön.

Dazu kam, dass mich mein Studium der Handelswissenschaften, das ich damals betrieb, nicht erfüllte, mir keinen Sinn gab. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, einmal mit dem Erlernten in einem Betrieb zu arbeiten. Da war der Eintritt in die Gemeinschaft in mehrerer Hinsicht ein guter Weg: Eine neue Familie wartete auf mich, ich begann das Studium der Theologie, um meinem Glauben auf den Grund zu gehen und mehr darüber zu erfahren, ich musste mir keine Sorgen mehr um meine berufliche Zukunft machen. Auf einmal waren scheinbar alle Probleme gelöst. Mit der Aussicht, als Kleriker auch noch ein gutes Ansehen zu haben, Anerkennung zu erfahren UND dabei auch noch Gutes für andere zu tun fiel mir die Entscheidung, Ordenspriester werden zu wollen, leicht.

Richtig schwierig wurde es erst nach und nach, vor allem die letzten Monate und Wochen vor meinem „Austritt“, also meinem psychischen Zusammenbruch, waren seitens der Gemeinschaft unverantwortlich. Ich spürte zunehmenden Druck im Brustbereich, mein Denken funktionierte nicht mehr richtig, es war verlangsamt und sprunghaft, ich hatte massive Schlafstörungen und daher auch Schlafmangel – all das teilte ich den Verantwortlichen mit beziehungsweise sie hatten es mitbekommen. Es gab aber außer ein paar gut gemeinten geistlichen Ratschlägen keinerlei Reaktionen wie zum Beispiel die Vermittlung in eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Das Ergebnis war verheerend: Absoluter psychischer und körperlicher Zusammenbruch, Aufenthalt in drei Krankenhäusern, davon fast vier Monate in der Psychiatrie in Mauer in Niederösterreich.

Warum konnte ich spirituellen Grenzverletzungen nichts entgegensetzen?

Meine autoritäre Erziehung und die psychische und physische Misshandlung durch meinen Vater begünstigten meine Wehrlosigkeit gegen spirituellen Missbrauch zweifellos. Ich war es gewohnt, mich einer Autorität (meinem Vater, später dem Ordensoberen) unterzuordnen und fühlte mich dadurch auch in gewisser Weise „entlastet“. Das mag ungewöhnlich klingen, aber wenn man es gewohnt ist, sich unterzuordnen, verlernt man auch, sich selbst, seinem Gewissen, seiner inneren Stimme zu trauen. Wenn man aber für sich selbst nicht erkennt, was einem gut tut, dann vertraut man lieber einer Autorität, die es aus bestimmten Gründen vielleicht „besser weiß“. Noch dazu, wenn man in der Autorität so etwas wie ein Idol sieht, die von vielen angehimmelt, hofiert und verehrt wird.

Zudem geschehen Grenzverletzungen ja nicht von heute auf morgen, sondern es gibt meist einen graduellen Verlauf. Wenn man einmal in einem System geistlich gefangen ist und spirituell nicht handlungsfähig ist, dann toleriert man Grenzverletzungen leichter oder verteidigt diese sogar gegenüber anderen oder sich selbst.

Bei mir, und so geht und ging es vielen, war das Vertrauen da, dass mir in der Kirche nichts Schlimmes passieren könnte. Denn seitens der Geistlichen der Gemeinschaft wurde immer wieder betont, dass die Kirche an sich heilig sei und auch all das Schlechte, das in ihr geschehe, wieder dem Guten dienen würde. Außerdem war ein relativ ausgeprägtes Gut-Böse-Denken in der Gemeinschaft vorhanden. Mit der Hölle wurde zwar nicht gedroht, aber vieles, was nicht in die Spiritualität der Gemeinschaft passte, wurde in die Nähe der Werke oder der Machenschaften des Satans gerückt.

Es fand eine Abschottung nach außen hin statt, die dazu animierte, die Kontakte zu Familie und Freunden auf geringer Frequenz zu halten, was dazu führte, dass ich außerhalb der Gemeinschaft fast niemanden mehr hatte, dem ich Persönliches erzählen konnte. Dadurch ging  mir auch der Bezug zur „Welt da draußen“ fast gänzlich verloren. Dazu kam, dass Fernsehen oder Radiohören, wenn nicht gerade der Papst sprach, unüblich waren.

Es ist nicht „die eine Sache“ oder „der eine Grund“, warum ich dem spirituellen Missbrauch nicht entgegenwirken konnte, es war die Summe der angedeuteten Umstände, die zusammen dazu führten, dass ich mir einiges gefallen ließ, was meine spirituellen Selbstbestimmungsrechte verletzte.

Vielleicht werden sich manche, die das lesen, fragen, warum ich das veröffentliche. Ob ich der Kirche schaden möchte oder der Gemeinschaft, der ich angehörte. Darum geht es mir nicht. Ich habe während des Theologiestudiums in Linz, in vielen Fortbildungen danach und während meiner Zeit als Religionslehrer und Pastoralassistent die letzten fast 10 Jahre viel darüber nachgedacht, was damals in Wien eigentlich passiert ist, konnte es aber nie in die richtigen Worte fassen. Mir fehlte schlicht das passende Vokabular. Auf Grundlage des genannten Buches über den spirituellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist es mir nun möglich, zu erzählen, was mir passiert ist. Ich sehe dieses Erzählen als einen heilsamen Weg für mich selbst und vielleicht auch für andere. Die katholische Kirche ist mir nach wie vor Heimat, ich verstehe mich als kritisch loyal und möchte deshalb, dass das Bewusstsein über (spirituellen) Missbrauch IN der katholischen Kirche dazu führt, dass ein Umdenk- und Umkehrprozess in Gang kommt. Es ist höchste Zeit. Denn, wie Doris Wagner am Ende ihres Buches schreibt, wenn spiritueller Missbrauch das Ziel hätte, die Zahl an geistlichen Berufungen wieder zu erhöhen und die Kirchenbänke wieder zu füllen, dann wäre das eine komplette Bankrotterklärung der Kirche. Nur, wenn wir als Kirche Menschen dazu befähigen, spirituell (und auch sonst) handlungsfähig zu bleiben oder zu werden, nur dann hat diese eine reelle Chance, als Kirche Jesu wahrgenommen zu werden und damit an Glaubwürdigkeitsverlust nicht zu verenden. Weil die Glaubwürdigkeit der Kirche in Zukunft auch vom Ende des Klerikalismus und der Gleichstellung der Frauen abhängt, sollte nicht mehr viel Zeit vergeudet werden, diese Probleme zu lösen.

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