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Ostern in der Leistungsgesellschaft


Es ist schon spät. Aber es lässt mir keine Ruhe. Eine Bekannte (K.) hat heute, am Ostersonntag auf Facebook mitgeteilt, dass sie an einer Erschöpfungsdepression (Burnout) erkrankt ist. Und dass sie in guter Behandlung ist. Es ist dieselbe gute Behandlung, die auch ich erleben durfte in einem ambulanten Reha-Zentrum in Linz – vor eineinhalb Jahren. Bei mir war die Diagnose eine andere – aber ich teile viele Eindrücke, die sie in ihrem ausführlichen Posting beschreibt. Am meisten aufgewühlt haben mich ihre Sätze: „… es läuft etwas gewaltig schief in der Gesellschaft. Wir sind hier [im Reha-Zentrum] und werden ‚repariert‘ für ein System, das von allen das Maximum verlangt und nicht jederzeit 100%ig funktionierende Mitarbeiter gnadenlos ausrangiert.“

Was ist das für ein System, frage ich, das auf diese Weise „funktioniert“? Oder „funktioniert“ dieses System ohnehin nur deshalb, weil eben alle nur „funktionieren“ (sollen) und nicht so leben (dürfen), wie es ihnen wenigstens annähreungsweise entsprechen würde? Schaffen es ArbeitgeberInnen nicht, ein Arbeitsumfeld für MitarbeiterInnen so zu gestalten, dass diese ihren Begabungen und Fähigkeiten entsprechend gefordert und gefördert werden? So zu gestalten, dass der mitarbeitende Mensch im Vordergrund steht und nicht nur der „Output“. Oder ist das illusorisch, weit weg von jeder Realität heutiger Arbeitswelten?

Ich denke: Nein. Ich denke: Nein, es ist nicht zu viel verlangt, von einem/einer ArbeitergeberIn zu erwarten, dass man in dem gegebenen Arbeitsumfeld auf Bedingungen trifft, die es einem erlauben, sich weiterzuentwickeln, seine Fähigkeiten und Potentiale zu nutzen und auf diese Weise gefordert und gefördert zu werden, ja mehr noch, sich an seinem Arbeitsplatz wohlzufühlen.

Und trotzdem kenne ich zu viele (Arbeitswelt-)Realitäten, die ganz anders sind. Die Leistungsgesellschaft hinterlässt (aktuell) auch im kirchlichen Arbeitsumfeld ihre Spuren. Frei nach dem Motto „die Brauchbaren werden übrigbleiben“ wird umstrukturiert, werden MitarbeiterInnen gepusht, die einen hohen „Output“ haben. Jene Stärken von MitarbeiterInnen, die sich in nicht entlohnbaren Faktoren wie Zusammenhalt, Ausgleich, gutem Unternehmensklima, (kritischer) Loyalität usw. zeigen, werden gerne übersehen.

Wohin die Reise der – ich sage mal vorsichtig: sogenannten – „Leistungsgesellschaft“ geht, ist klar: Überall hin, nur nicht dorthin, wo Ostern und Auferstehung spürbar werden.

K. schrieb heute auch: „Wenn man so will, kann man sagen: hier [im Reha-Zentrum] sitzen die Opfer der Leistungsgesellschaft, normale Leute, die nicht wissen, wie sie überhaupt hierher geraten konnten. Die es oft nicht akzeptieren können.“

Für alle, die sich, so wie K., Gedanken über die sogenannte „Leistungsgesellschaft“ machen, sich ihrer Krankheit stellen und sich neu orientieren, hege ich den tief empfundenen Wunsch, dass sie ihr (beruflicher) Weg dorthin führt, wo das (Arbeits-)Umfeld den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ich selbst durfte mich ebenfalls neu orientieren und bin nun, nach einem guten halben Jahr im neuen Job als Religionslehrer so weit aufgeblüht, dass ich das Gefühl habe, in einem guten Umfeld angekommen zu sein. Am Schönsten – und wie eine Bestätigung – war für mich die Rückmeldung meiner Frau, die mir schon nach wenigen Wochen im neuen Job konstatierte: „Du bist wie ausgewechselt. Du lebst wieder.“

So fühlt sich Ostern an – besonders heuer.

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