Archiv des Autors: Andreas Fürlinger

Nasengestocher und Dankbarkeit


Unsere Familie ist in Quarantäne. Drei von uns hatten einen Covid-Test. Einer war positiv, ich muss auf mein Ergebnis noch warten. Von Symptombeginn bis zum Nasengestocher dauerte es bei mir acht Tage, weitere vier Tage muss ich auf das Ergebnis warten. Der Kontakt mit der Behörde ist grundsätzlich freundlich, aber wir mussten und müssen uns auf die Füße stellen, um auch wieder aus der Quarantäne entlassen zu werden. Heute wollte uns der Postler zwei Bescheide (vermutlich die Absonderungsbescheide) zustellen, er durfte es aber nicht, weil wir nicht einmal die Empfangsbestätigung unterschreiben dürfen. Blüten eines an die Grenzen kommenden Systems.

Was soll ich sagen? Ich bin froh, dass unser Gesundheitssystem (noch) funktioniert. Wie man den Medien entnehmen kann, kommt Oberösterreich bald an die Grenzen. Nur noch wenige Intensivbetten sind frei. Auch Personen aus meinem Umfeld hat es erwischt – mit teils schwereren Verläufen als bei meiner Frau und mir. Ich bin dankbar darüber, dass wir das Begräbnis meines Opas vor zweieinhalb Wochen relativ „normal“, „nur“ mit Regisitrierung im Gasthaus und den üblichen Abstands- und Hygieneregeln in der Kirche feiern konnten.

Es macht sich bei mir überhaupt viel Dankbarkeit breit, ich bin gesegnet: Habe Arbeit, ein Dach über dem Kopf mit Garten (der sich zwar in der Quarantäne eher wie ein Gefängnishof anfühlt), habe eine Familie (bin also nicht sozial isoliert), habe Freunde und Freundinnen, die für uns einkaufen und nachfragen, wie es uns geht, bin wieder einigermaßen gesund. Außerdem habe ich dank meiner psychischen Rehabilitation viel positive Erkenntnisse mitnehmen dürfen, die mir gerade jetzt in Lockdown und Quarantäne zu Gute kommen: Ich lese wieder mehr, spiele wieder mehr mit meinem Akkordeon. Wenn ich nicht in Quarantäne wäre, würde ich jeden Tag eine Runde rausgehen und die Natur genießen, so wie ich es in der Zeit der Reha auch gemacht habe. Und jeden Tag „durchforste“ ich die Bibel nach Mut machenden Gedanken der Zuversicht. Das alles zusammen gibt so viel Kraft, dass ich manches Übel und manchen Verdruss leichter wegstecken kann. Und am Abend, vor dem Einschlafen, blicke ich wie immer dankbar auf alles zurück, was der Tag so gebracht hat. Auch auf die „Leere und die Einsamkeit, das müde harte Gehen“, das Kathi Stimmer-Salzeder in ihrem Lied „Den Tag leg ich in deine Hand“ beschreibt. Ich kann nur sagen: Ich liebe das Leben in all den Facetten, die es mir gerade bietet, auch in den hässlichen Fratzen, die es manchmal zeigt.

Ich ringe mit dir


Ich ringe mit dir

DU ringst mit mir

Von Angesicht zu Angesicht

Wahrhaftigkeit steigt auf

Tränen laufen den Jabbok hinunter

Freude keimt

Könntest du hier sein,

dann könnte ich ICH werden.

Es ist schon alles gesagt,

nur nicht von allen.

Ich bekenne:

Du bist nicht fern!

WIR


Fragend nähere ich mich an

Im Blick: DU

Und auch ICH

Wissend gehe ich vorwärts

Im Blick: DU

Und auch ICH

Fühlend bekenne ich:

WIR!

Endlich Worte – narrative Aufarbeitung von spirituellem Missbrauch


Ich bin ein lesefauler Mensch, zumindest was gedruckte Bücher angeht. Und die meisten Bücher lese ich nicht zu Ende. Ganz anders war das die letzten beiden Tage, an denen ich die ca. 200 Seiten des Buches von Doris Wagner (verheiratet Reisinger) mit dem Titel „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ „verschlungen“ habe.

Mut

Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich Unbehagen und dass es mir Mut abverlangt, sie im Anschluss irgendwann zu veröffentlichen. Denn ich habe auch spirituellen Missbrauch in einer katholischen Ordensgemeinschaft erlebt, und zwar in der Kongregation der Kalasantiner in Wien. Das ist jetzt schon fast 20 Jahre her, aber an den Folgen leide ich noch heute. Ich merke, dass mir das Buch von Doris Wagner erst nach so vielen Jahren eine Sprache für das verleihen kann, was auch ich durchlebt habe. Es tat so unheimlich gut, in der sensiblen Sprache einer Theologin aufmerksam zu werden für das, was ich bisher zwar zu einem guten Teil aufgearbeitet habe in Therapie, Studium und Reflexion, was in meinem konkreten Fall aber eine psychische Erkrankung zur Folge hatte. Ich hätte spirituelle Vernachlässigung und spirituelle Manipulation vermutlich noch länger ertragen, wäre ich nicht nach fast eineinhalb Jahren in der Gemeinschaft nervlich am Ende gewesen und zusammengebrochen.

Erstes „Aha-Erlebnis“

Das erste „Aha-Erlebnis“ in Bezug auf die Gemeinschaft stellte sich relativ schnell nach dem „Austritt“ ein: Schon im Krankenhaus in St. Pölten sagten Ärzte meinem Vater, der sich um mich kümmerte, dass ich nicht der einzige Fall aus dem Dunstkreis der Kalasantiner wäre, den sie mit psychischen Problemen behandeln würden. Ich wurde dann bald in die psychiatrische Abteilung des niederösterreichischen Landesklinikums Mauer überstellt, wo ich ziemlich genau vier Monate verbrachte, um psychisch wieder halbwegs auf die Beine zu kommen. Nach meiner Entlassung musste ich beginnen, mein Leben wieder auf ein solides Fundament zu stellen und einen neuen Sinn für es zu finden. Wenn ich heute zurückschaue, bin ich sehr dankbar für alles, was ich erreicht habe und dass ich auch gelernt habe, mit meiner psychischen Erkrankung zu leben. Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter, wir haben ein Haus gebaut und ich arbeite als Redakteur in der Diözese Linz. Aber das vielleicht Wichtigste: Ich habe ein solides soziales Umfeld und bin spirituell handlungsfähig.

Spiritueller Missbrauch

Zurück zum Missbrauch: Was ist spiritueller Missbrauch, was geschah, was hat ihn begünstigt, warum konnte ich ihm nicht entgegenwirken?

Dazu bedarf es erst einmal einer Klärung, was denn spiritueller (geistlicher) Missbrauch überhaut ist.

Doris Wagner formuliert es in ihrem Buch so: „Geistlicher Missbrauch ist die Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechtes. Durch diese Verletzung werden Menschen in spirituelle Not gebracht. Das heißt, wer die spirituelle Handlungsfähigkeit einer anderen Person untergräbt, begeht spirituellen Missbrauch an dieser Person.“ (S. 79) Wichtig ist mir, gleich anzufügen, dass das nicht immer bewusst und gewollt oder gar böswillig geschieht. Aber es passiert. Und es ist auch mir widerfahren.

Doris Wagner unterscheidet drei Formen oder Stufen von spirituellem Missbrauch: Spirituelle Vernachlässigung, spirituelle Manipulation und spirituelle Gewalt. Ich möchte meinen Fokus vor allem auf die spirituelle Manipulation legen, weil ich durch die Lektüre des Buches erkannt habe, dass ich vielen Formen von spiritueller Manipulation ausgesetzt war, was nach meinem „Austritt“ zwar immer wieder ungute Gefühle ausgelöst hatte, was ich aber erst heute, nach fast 20 Jahren, wirklich so einordnen kann, wie mir das schon viel früher gut getan und wahrscheinlich auch geholfen hätte.

Weil mir der Hinweis auf spirituelle Manipulation so wichtig ist, möchte ich zwei (längere) Sätze aus Wagners Buch zitieren (S. 99):

„Spirituelle Manipulation liegt dann vor, wenn die spirituelle Freiheit der begleiteten Person nicht einfach unausgebildet bleibt – wie im Falle spiritueller Vernachlässigung -, aber auch nicht direkt und offen angegriffen wird – wie im Falle spiritueller Gewalt (…), sondern subtil mit Hilfe verschiedener Techniken untergraben wird. Wer jemand anderen spirituell manipuliert, macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt – beispielsweise einen bestimmten Blick auf sein eigenes Leben bekommen, eine bestimmte Lebensentscheidung getroffen, ein bestimmtes Gebet gesprochen, Geld gespendet -, während er in Wirklichkeit mit Hilfe bestimmter Techniken dazu gebracht worden ist.

Darum geht es: „…macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt.“

Es fing schon an mit meiner „Entscheidung“, in die Gemeinschaft einzutreten. Vorausgegangen waren viele Monate in einem Gebetskreis der Gemeinschaft, der regelmäßige Besuch von Heiligen Messen, diverse Ausflüge, Wallfahrten usw. Immer wieder gaben Menschen Zeugnis von ihrer geistlichen Berufung, erzählten ihre Berufungsgeschichten, erzählten, wie Gott direkt oder indirekt zu ihnen gesprochen hätte. Mir wurde suggeriert, wenn ich mich geistlich anstrengen würde und mich auf die Führung durch Priester (der Gemeinschaft) verlassen würde, dann würde auch ich meine Berufung erkennen. Freilich, es wurde ausgesprochen, dass die eigene Berufung auch „in der Welt“ gelebt werden könne, aber durch die besondere Inszenierung der geistlichen Berufe (Schwestern, Brüder, Fratres, Patres) und den gezielt eingesetzten familiären Umgang mit jungen Menschen, die, wie in meinem Fall, kirchlich und spirituell noch relativ unerfahren waren, wurde mir und vielen anderen vermittelt, dass es eine besondere Auserwählung oder Gnade wäre, dem Klerikerstand anzugehören. Wenn man dann noch mitbekam, dass die Kleriker(innen) teilweise fast angehimmelt wurden, war es für jemanden, der ganz stark nach Anerkennung oder schlicht Liebe suchte, wie auch ich damals, eine schöne Vorstellung, ebenfalls diesem Stand anzugehören.

Eine andere Form der Manipulation waren die Art und Weise, wie Gebete formuliert und ausgesprochen wurden. Immer wieder wurden Dankgebete, Bittgebete oder Fürbitten so eng und gezielt formuliert, dass ich oft das Gefühl hatte, hier sollte ich oder sollten andere zu etwas Bestimmtem bewegt werden.

Eines Abends, während des Noviziates, wurde ich vom Ordensoberen eingeladen, an einer Veranstaltung teilzunehmen, die für der Gemeinschaft nahestehende Personen gedacht war. Es ging an diesem Abend meiner Wahrnehmung und Erinnerung nach hauptsächlich darum, dass, wenn man die Bibel ernst nimmt, ein guter Christ den „Zehnten“ seines Einkommens zu geben habe. Ich weiß noch, wie ich mich für diese Forderung des Oberen genierte, weil ich sie, zwar theologisch noch ungebildet, aber dennoch für überzogen oder vielleicht sogar unanständig hielt. Das war ein Moment, wo ich damals schon die Vorgehensweise des Ordens – zumindest innerlich – in Frage stellte.

Auch Manipulation durch Abwertung habe ich erlebt. Bei regelmäßigen Novizenstunden mit dem Novizenmeister der Gemeinschaft haben wir immer wieder Abschnitte aus der Bibel „besprochen“. Wir haben in der Bibel gelesen und über das Gelesene „diskutiert“ – und gebetet. Der Novizenmeister hat dann die Aussagen von uns Novizen bewertet, wobei er seine „Lieblinge“ hatte und dafür andere Novizen abwertete, teils durch verletzende Aussagen oder ebensolchen „Humor“, teils durch Mimik oder Gestik.

Besonders verletzend empfand ich es, dass der Novizenmeister einem Novizen, der im Zivilberuf Arzt war, ständig – auf teils subtile Art – zu verstehen gab, dass seine intellektuellen Fähigkeiten im Bezug auf die Bibel nichts bringen würden. Generell war es in der Gemeinschaft üblich, dass Priestern im Bezug auf das Verständnis der Schrift mehr zugetraut wurde als allen anderen, nicht nur wegen des Studiums der Theologie, sondern vor allem deshalb, weil sie eben Priester waren.

Wenn ich noch weiter nachdenken würde, fielen mir noch viele andere Beispiele ein, wie in dieser Gemeinschaft spirituell manipuliert wurde (und vermutlich immer noch wird).

Mein Vater bezeichnet es bis heute als „Gehirnwäsche“, die dort betrieben wurde. Unmittelbar nach meinem „Austritt“ wollte ich das nicht wahrhaben, aber heute denke ich anders darüber.

Als sehr schmerzvoll empfand ich damals jene Grenzverletzung, die es mir untersagte, einen geistlichen Begleiter, den ich schon vor Eintritt in die Gemeinschaft hatte und den ich bis heute schätze, weiter zu kontaktieren. Ich sollte mir jemanden aus der Gemeinschaft suchen. Auch einen Beichtvater innerhalb der Gemeinschaft zu haben, war mehr als üblich und wurde eigentlich erwartet.

Ich habe nun mit Doris Wagner beschrieben, was spiritueller Missbrauch ist und ein paar Aspekte des „Was geschah?“ skizziert. Weiter oben habe ich auch die Fragen gestellt, was den geistlichen Missbrauch begünstigt hat (auf der Seite meiner Person, nicht strukturell, das ist ein eigenes Thema) und warum ich ihm nicht entgegenwirken konnte. Dazu möchte ich aus meiner Biografie erzählen.

Grundsätzlich sind junge Menschen mit wenig Lebenserfahrung, die in vielen Hinsichten noch unreif sind, viel anfälliger für spirituellen Missbrauch als reife Persönlichkeiten, egal welchen Alters, die spirituell handlungsfähig sind.

In meinem Fall waren es neben Jugend, persönlicher Unreife und spiritueller und kirchlicher Unerfahrenheit vor allem auch Erfahrungen der psychischen und physischen Gewalt in Kindheit und Jugend durch meinen Vater, die mich als gebrochenen Menschen zunächst Liebe, Anerkennung und Geborgenheit in der Gemeinschaft der Kalasantiner erfahren ließen. Ich ließ mich anstecken von fröhlicher Musik im Gottesdienst, von tiefgehenden persönlichen Gesprächen mit Schwestern und Patres, von dem Gefühl, eine „Familie“ gefunden zu haben als Ersatz für jene, die ein paar Jahre zuvor durch Scheidung in Brüche gegangen war – meine Herkunftsfamilie. Ich konnte buchstäblich mein Glück nicht fassen, all das erleben zu dürfen. Ich sah mich und die Gemeinschaft plötzlich mit einer rosaroten Brille. Überhaupt war die Welt plötzlich schön.

Dazu kam, dass mich mein Studium der Handelswissenschaften, das ich damals betrieb, nicht erfüllte, mir keinen Sinn gab. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, einmal mit dem Erlernten in einem Betrieb zu arbeiten. Da war der Eintritt in die Gemeinschaft in mehrerer Hinsicht ein guter Weg: Eine neue Familie wartete auf mich, ich begann das Studium der Theologie, um meinem Glauben auf den Grund zu gehen und mehr darüber zu erfahren, ich musste mir keine Sorgen mehr um meine berufliche Zukunft machen. Auf einmal waren scheinbar alle Probleme gelöst. Mit der Aussicht, als Kleriker auch noch ein gutes Ansehen zu haben, Anerkennung zu erfahren UND dabei auch noch Gutes für andere zu tun fiel mir die Entscheidung, Ordenspriester werden zu wollen, leicht.

Richtig schwierig wurde es erst nach und nach, vor allem die letzten Monate und Wochen vor meinem „Austritt“, also meinem psychischen Zusammenbruch, waren seitens der Gemeinschaft unverantwortlich. Ich spürte zunehmenden Druck im Brustbereich, mein Denken funktionierte nicht mehr richtig, es war verlangsamt und sprunghaft, ich hatte massive Schlafstörungen und daher auch Schlafmangel – all das teilte ich den Verantwortlichen mit beziehungsweise sie hatten es mitbekommen. Es gab aber außer ein paar gut gemeinten geistlichen Ratschlägen keinerlei Reaktionen wie zum Beispiel die Vermittlung in eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Das Ergebnis war verheerend: Absoluter psychischer und körperlicher Zusammenbruch, Aufenthalt in drei Krankenhäusern, davon fast vier Monate in der Psychiatrie in Mauer in Niederösterreich.

Warum konnte ich spirituellen Grenzverletzungen nichts entgegensetzen?

Meine autoritäre Erziehung und die psychische und physische Misshandlung durch meinen Vater begünstigten meine Wehrlosigkeit gegen spirituellen Missbrauch zweifellos. Ich war es gewohnt, mich einer Autorität (meinem Vater, später dem Ordensoberen) unterzuordnen und fühlte mich dadurch auch in gewisser Weise „entlastet“. Das mag ungewöhnlich klingen, aber wenn man es gewohnt ist, sich unterzuordnen, verlernt man auch, sich selbst, seinem Gewissen, seiner inneren Stimme zu trauen. Wenn man aber für sich selbst nicht erkennt, was einem gut tut, dann vertraut man lieber einer Autorität, die es aus bestimmten Gründen vielleicht „besser weiß“. Noch dazu, wenn man in der Autorität so etwas wie ein Idol sieht, die von vielen angehimmelt, hofiert und verehrt wird.

Zudem geschehen Grenzverletzungen ja nicht von heute auf morgen, sondern es gibt meist einen graduellen Verlauf. Wenn man einmal in einem System geistlich gefangen ist und spirituell nicht handlungsfähig ist, dann toleriert man Grenzverletzungen leichter oder verteidigt diese sogar gegenüber anderen oder sich selbst.

Bei mir, und so geht und ging es vielen, war das Vertrauen da, dass mir in der Kirche nichts Schlimmes passieren könnte. Denn seitens der Geistlichen der Gemeinschaft wurde immer wieder betont, dass die Kirche an sich heilig sei und auch all das Schlechte, das in ihr geschehe, wieder dem Guten dienen würde. Außerdem war ein relativ ausgeprägtes Gut-Böse-Denken in der Gemeinschaft vorhanden. Mit der Hölle wurde zwar nicht gedroht, aber vieles, was nicht in die Spiritualität der Gemeinschaft passte, wurde in die Nähe der Werke oder der Machenschaften des Satans gerückt.

Es fand eine Abschottung nach außen hin statt, die dazu animierte, die Kontakte zu Familie und Freunden auf geringer Frequenz zu halten, was dazu führte, dass ich außerhalb der Gemeinschaft fast niemanden mehr hatte, dem ich Persönliches erzählen konnte. Dadurch ging  mir auch der Bezug zur „Welt da draußen“ fast gänzlich verloren. Dazu kam, dass Fernsehen oder Radiohören, wenn nicht gerade der Papst sprach, unüblich waren.

Es ist nicht „die eine Sache“ oder „der eine Grund“, warum ich dem spirituellen Missbrauch nicht entgegenwirken konnte, es war die Summe der angedeuteten Umstände, die zusammen dazu führten, dass ich mir einiges gefallen ließ, was meine spirituellen Selbstbestimmungsrechte verletzte.

Vielleicht werden sich manche, die das lesen, fragen, warum ich das veröffentliche. Ob ich der Kirche schaden möchte oder der Gemeinschaft, der ich angehörte. Darum geht es mir nicht. Ich habe während des Theologiestudiums in Linz, in vielen Fortbildungen danach und während meiner Zeit als Religionslehrer und Pastoralassistent die letzten fast 10 Jahre viel darüber nachgedacht, was damals in Wien eigentlich passiert ist, konnte es aber nie in die richtigen Worte fassen. Mir fehlte schlicht das passende Vokabular. Auf Grundlage des genannten Buches über den spirituellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist es mir nun möglich, zu erzählen, was mir passiert ist. Ich sehe dieses Erzählen als einen heilsamen Weg für mich selbst und vielleicht auch für andere. Die katholische Kirche ist mir nach wie vor Heimat, ich verstehe mich als kritisch loyal und möchte deshalb, dass das Bewusstsein über (spirituellen) Missbrauch IN der katholischen Kirche dazu führt, dass ein Umdenk- und Umkehrprozess in Gang kommt. Es ist höchste Zeit. Denn, wie Doris Wagner am Ende ihres Buches schreibt, wenn spiritueller Missbrauch das Ziel hätte, die Zahl an geistlichen Berufungen wieder zu erhöhen und die Kirchenbänke wieder zu füllen, dann wäre das eine komplette Bankrotterklärung der Kirche. Nur, wenn wir als Kirche Menschen dazu befähigen, spirituell (und auch sonst) handlungsfähig zu bleiben oder zu werden, nur dann hat diese eine reelle Chance, als Kirche Jesu wahrgenommen zu werden und damit an Glaubwürdigkeitsverlust nicht zu verenden. Weil die Glaubwürdigkeit der Kirche in Zukunft auch vom Ende des Klerikalismus und der Gleichstellung der Frauen abhängt, sollte nicht mehr viel Zeit vergeudet werden, diese Probleme zu lösen.

Geschützt: Steckdosen Fotos

Wirtschaftsmotor Faulheit


Der Lebenszyklus von Produkten wird immer kürzer, das liegt an verschiedenen Umständen. Neue Produkte auf dem Markt zu platzieren wird immer schwieriger. Was aber auffällt, ist eine sehr erfolgreiche Variable, die sich wie eine Konstante in die Wirtschaft eingeschlichen hat. Zuerst fanden Produkte großen Anklang, die „Arbeitserleichterung“ versprachen, nun sind es Dienstleistungen und Produkte, die dem „Zeitmangel“ oder schlicht unserer Faulheit entgegenkommen.

Bild: Thomas Schmidt / pixelio.de

Bild: Thomas Schmidt / pixelio.de

Bei der (Un)Menge an Produkten, die täglich hergestellt, gekauft und konsumiert werden, ist es immer wieder auf’s Neue erstaunlich, mit wie vielen Innovationen „der Markt“ aufwartet. Kaum ein Tag vergeht in den industrialisierten Dienstleistungsgesellschaften, an dem nicht neue Produkte in die Geschäfte drängen und neue Dienstleistungen angeboten werden. Während sich manche Angebote nicht lange halten, haben andere bleibenden Erfolg. Und es liegt nicht immer nur an der Güte der Produkte oder Dienstleistungen, sondern oft an dem Umstand, dass damit menschliche Faulheit bedient wird oder wir aus „Zeitmangel“ etwas kaufen oder in Anspruch nehmen.

Bei manchen Produkten steckt der Wirtschaftsfaktor „Faulheit“ schon in der Produkt- bzw. Gattunsbezeichnung. „Convenience“-Produkte zum Beispiel sollen es uns „bequem“ machen. Gemeint ist hauptsächlich Fertigessen aus dem Supermarkt, am besten tiefgefroren, um es daheim länger bequem zu haben, ohne lästige Einkäufe zu erledigen. In dieselbe Kerbe schlagen Essenszusteller und die dazugehörigen Bestellmöglichkeiten. Onlinehandel und Zustellung sind ohnehin nicht mehr wegzudenken aus unserem Leben.

Wer will, kann sich monatelang versorgen (lassen), ohne auch nur einen Schritt vor die Haustüre zu setzen.

Waren es noch vor einigen Jahrzehnten die „neuen“ Haushaltsgeräte wie Waschmaschine, Küchenmaschine oder Mixer, die das Leben erleichterten, so sind es heute Produkte, die nicht unbedingt nötig wären, aber die halt sehr bequem sind. Gefrierschränke, die nicht mehr enteist werden müssen, Kaffeemaschinen, die sich selbst reinigen oder Staubsaugerroboter sind nur der Anfang. Fast alle Branchen sind auf den Zug der Faulheit aufgesprungen. Zu Recht, denn der Umsatz dürfte stimmen. Allerdings könnte man sich bei Bananen, die geschält, in Scheiben geschnitten und verpackt angeboten werden, doch auch die Frage stellen, ob es nicht irgendwann natürliche oder ökologische Einwände gegen solche Angebote gibt.

Grundsätzlich scheint die Zukunftsfrage für „Faulheitsprodukte“ zu sein: Noch bequem oder doch auf Umwegen wieder unbequem? Denn wer hat nicht schon die Autoelektronik verflucht, die als Fehlerursache nicht mehr von einem Laien behoben werden kann und einen Werkstatttermin unvermeidlich macht. Oder wer hat nicht schon einmal ein Produkt wieder verpackt und zurückgeschickt, das online bestellt wurde und nicht den Erwartungen entsprach? Zeitmangel oder Faulheit führen in Abhängigkeiten, die nicht mehr leicht abzuschütteln sind.

So lange wir uns jedenfalls freuen an den vielen „Erleichterungen“ und „Bequemlichkeiten“, die Unternehmen anbieten, so lange wir uns in Privat- und Arbeitsleben wie in einem Hamsterrad bewegen und uns immer mehr in immer neue Abhängigkeiten begeben, so lange wird der Wirtschaftsmotor „Faulheit“ Erfolg haben.

Spiri-Caching


Spiri-Caching

Spiri-Caching in Micheldorf, Oberösterreich bei der Burg Altpernstein.

Gebete


Gebete ändern nicht die Welt. Aber Gebete verändern Menschen, und Menschen verändern die Welt.

Albert Schweitzer

Herbst-Gehen


Ein Spaziergang mit Kinderwagen. Kinder helfen, wesentlich zu werden und den Blick für das Schöne zu weiten.



Israel-Nachlese


cc andreas fürlinger

In den Semsterferien im Februar waren wir mit einer Pilgergruppe in Israel. Gestern Abend gab es im Pfarrheim ein gemütliches Nachtreffen, um noch einmal im Schauen von Bildern und im Sich-Gemeinsam-Erinnern die Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Jede Reise braucht einen gewissen zeitlichen Abstand, um so „richtig“ zu wirken. Für meine Frau und mich waren deshalb die an die Leinwand geworfenen Bilder und die Kommentare der Gruppe eine gute Gelegenheit, noch einmal einzutauchen in einzelne Situationen, in die Atmosphäre im Land, in Gespräche und in das gute Essen, das macht auch etwas aus.
Wir waren uns am Tisch einig, dass wir einen guten Zeitpunkt erwischt hatten im Feburar, weil die Situation nachher angespannter wurde, es an der Grenze zu Ägypten zu Zwischenfällen gekommen war und am Sinai Entführungen bekannt wurden. Besonders amüsant war auch nach einem halben Jahr noch das Foto vom „brennenden Dornbusch“, unter dem der Feuerlöscher stand:

Die Stelle des „brennenden Dornbusches“ mit Feuerlöscher _ Bild cc andreas fürlinger

Wohl ein Sinnbild für unsere Welt: Gott ist da (Dornbusch), aber so ganz traut man ihm nicht (Feuerlöscher, das Feuer soll jederzeit gelöscht werden können).

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 

Moseberg (Sinai) _ Bild cc andreas fürlinger


Am Moseberg (Sinai) war es im Februar eiskalt.
Aber der Aufstieg war lohnend. Die Geschichte des Volkes Israel vorbeiziehen lassen in Gedanken, daran denken, was die jüdischen Brüder und Schwestern mit uns ChristInnen verbindet. Die Kargheit der Landschaft „einziehen“ lassen und den Beduinen vergönnt sein, dass der geführte Aufstieg länger als nötig dauert, weil die Lokale am Weg ihren Lebensunterhalt sichern.

Und schließlich wegen der neu aufgebauten Trennmauern den Psalm 18 memorieren, den Sieger Köder so schön ins Bild gebracht hat: „…mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Für viele in Israel leider keine Realität. Aber man darf der Versöhnung der Religionen genau so viel zutrauen wie der Kirche im Kleinen: Es beginnt immer mit zwei oder drei Menschen – so wird alles möglich.

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