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Endlich Worte – narrative Aufarbeitung von spirituellem Missbrauch


Ich bin ein lesefauler Mensch, zumindest was gedruckte Bücher angeht. Und die meisten Bücher lese ich nicht zu Ende. Ganz anders war das die letzten beiden Tage, an denen ich die ca. 200 Seiten des Buches von Doris Wagner (verheiratet Reisinger) mit dem Titel „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ „verschlungen“ habe.

Mut

Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich Unbehagen und dass es mir Mut abverlangt, sie im Anschluss irgendwann zu veröffentlichen. Denn ich habe auch spirituellen Missbrauch in einer katholischen Ordensgemeinschaft erlebt, und zwar in der Kongregation der Kalasantiner in Wien. Das ist jetzt schon fast 20 Jahre her, aber an den Folgen leide ich noch heute. Ich merke, dass mir das Buch von Doris Wagner erst nach so vielen Jahren eine Sprache für das verleihen kann, was auch ich durchlebt habe. Es tat so unheimlich gut, in der sensiblen Sprache einer Theologin aufmerksam zu werden für das, was ich bisher zwar zu einem guten Teil aufgearbeitet habe in Therapie, Studium und Reflexion, was in meinem konkreten Fall aber eine psychische Erkrankung zur Folge hatte. Ich hätte spirituelle Vernachlässigung und spirituelle Manipulation vermutlich noch länger ertragen, wäre ich nicht nach fast eineinhalb Jahren in der Gemeinschaft nervlich am Ende gewesen und zusammengebrochen.

Erstes „Aha-Erlebnis“

Das erste „Aha-Erlebnis“ in Bezug auf die Gemeinschaft stellte sich relativ schnell nach dem „Austritt“ ein: Schon im Krankenhaus in St. Pölten sagten Ärzte meinem Vater, der sich um mich kümmerte, dass ich nicht der einzige Fall aus dem Dunstkreis der Kalasantiner wäre, den sie mit psychischen Problemen behandeln würden. Ich wurde dann bald in die psychiatrische Abteilung des niederösterreichischen Landesklinikums Mauer überstellt, wo ich ziemlich genau vier Monate verbrachte, um psychisch wieder halbwegs auf die Beine zu kommen. Nach meiner Entlassung musste ich beginnen, mein Leben wieder auf ein solides Fundament zu stellen und einen neuen Sinn für es zu finden. Wenn ich heute zurückschaue, bin ich sehr dankbar für alles, was ich erreicht habe und dass ich auch gelernt habe, mit meiner psychischen Erkrankung zu leben. Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter, wir haben ein Haus gebaut und ich arbeite als Redakteur in der Diözese Linz. Aber das vielleicht Wichtigste: Ich habe ein solides soziales Umfeld und bin spirituell handlungsfähig.

Spiritueller Missbrauch

Zurück zum Missbrauch: Was ist spiritueller Missbrauch, was geschah, was hat ihn begünstigt, warum konnte ich ihm nicht entgegenwirken?

Dazu bedarf es erst einmal einer Klärung, was denn spiritueller (geistlicher) Missbrauch überhaut ist.

Doris Wagner formuliert es in ihrem Buch so: „Geistlicher Missbrauch ist die Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechtes. Durch diese Verletzung werden Menschen in spirituelle Not gebracht. Das heißt, wer die spirituelle Handlungsfähigkeit einer anderen Person untergräbt, begeht spirituellen Missbrauch an dieser Person.“ (S. 79) Wichtig ist mir, gleich anzufügen, dass das nicht immer bewusst und gewollt oder gar böswillig geschieht. Aber es passiert. Und es ist auch mir widerfahren.

Doris Wagner unterscheidet drei Formen oder Stufen von spirituellem Missbrauch: Spirituelle Vernachlässigung, spirituelle Manipulation und spirituelle Gewalt. Ich möchte meinen Fokus vor allem auf die spirituelle Manipulation legen, weil ich durch die Lektüre des Buches erkannt habe, dass ich vielen Formen von spiritueller Manipulation ausgesetzt war, was nach meinem „Austritt“ zwar immer wieder ungute Gefühle ausgelöst hatte, was ich aber erst heute, nach fast 20 Jahren, wirklich so einordnen kann, wie mir das schon viel früher gut getan und wahrscheinlich auch geholfen hätte.

Weil mir der Hinweis auf spirituelle Manipulation so wichtig ist, möchte ich zwei (längere) Sätze aus Wagners Buch zitieren (S. 99):

„Spirituelle Manipulation liegt dann vor, wenn die spirituelle Freiheit der begleiteten Person nicht einfach unausgebildet bleibt – wie im Falle spiritueller Vernachlässigung -, aber auch nicht direkt und offen angegriffen wird – wie im Falle spiritueller Gewalt (…), sondern subtil mit Hilfe verschiedener Techniken untergraben wird. Wer jemand anderen spirituell manipuliert, macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt – beispielsweise einen bestimmten Blick auf sein eigenes Leben bekommen, eine bestimmte Lebensentscheidung getroffen, ein bestimmtes Gebet gesprochen, Geld gespendet -, während er in Wirklichkeit mit Hilfe bestimmter Techniken dazu gebracht worden ist.

Darum geht es: „…macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt.“

Es fing schon an mit meiner „Entscheidung“, in die Gemeinschaft einzutreten. Vorausgegangen waren viele Monate in einem Gebetskreis der Gemeinschaft, der regelmäßige Besuch von Heiligen Messen, diverse Ausflüge, Wallfahrten usw. Immer wieder gaben Menschen Zeugnis von ihrer geistlichen Berufung, erzählten ihre Berufungsgeschichten, erzählten, wie Gott direkt oder indirekt zu ihnen gesprochen hätte. Mir wurde suggeriert, wenn ich mich geistlich anstrengen würde und mich auf die Führung durch Priester (der Gemeinschaft) verlassen würde, dann würde auch ich meine Berufung erkennen. Freilich, es wurde ausgesprochen, dass die eigene Berufung auch „in der Welt“ gelebt werden könne, aber durch die besondere Inszenierung der geistlichen Berufe (Schwestern, Brüder, Fratres, Patres) und den gezielt eingesetzten familiären Umgang mit jungen Menschen, die, wie in meinem Fall, kirchlich und spirituell noch relativ unerfahren waren, wurde mir und vielen anderen vermittelt, dass es eine besondere Auserwählung oder Gnade wäre, dem Klerikerstand anzugehören. Wenn man dann noch mitbekam, dass die Kleriker(innen) teilweise fast angehimmelt wurden, war es für jemanden, der ganz stark nach Anerkennung oder schlicht Liebe suchte, wie auch ich damals, eine schöne Vorstellung, ebenfalls diesem Stand anzugehören.

Eine andere Form der Manipulation waren die Art und Weise, wie Gebete formuliert und ausgesprochen wurden. Immer wieder wurden Dankgebete, Bittgebete oder Fürbitten so eng und gezielt formuliert, dass ich oft das Gefühl hatte, hier sollte ich oder sollten andere zu etwas Bestimmtem bewegt werden.

Eines Abends, während des Noviziates, wurde ich vom Ordensoberen eingeladen, an einer Veranstaltung teilzunehmen, die für der Gemeinschaft nahestehende Personen gedacht war. Es ging an diesem Abend meiner Wahrnehmung und Erinnerung nach hauptsächlich darum, dass, wenn man die Bibel ernst nimmt, ein guter Christ den „Zehnten“ seines Einkommens zu geben habe. Ich weiß noch, wie ich mich für diese Forderung des Oberen genierte, weil ich sie, zwar theologisch noch ungebildet, aber dennoch für überzogen oder vielleicht sogar unanständig hielt. Das war ein Moment, wo ich damals schon die Vorgehensweise des Ordens – zumindest innerlich – in Frage stellte.

Auch Manipulation durch Abwertung habe ich erlebt. Bei regelmäßigen Novizenstunden mit dem Novizenmeister der Gemeinschaft haben wir immer wieder Abschnitte aus der Bibel „besprochen“. Wir haben in der Bibel gelesen und über das Gelesene „diskutiert“ – und gebetet. Der Novizenmeister hat dann die Aussagen von uns Novizen bewertet, wobei er seine „Lieblinge“ hatte und dafür andere Novizen abwertete, teils durch verletzende Aussagen oder ebensolchen „Humor“, teils durch Mimik oder Gestik.

Besonders verletzend empfand ich es, dass der Novizenmeister einem Novizen, der im Zivilberuf Arzt war, ständig – auf teils subtile Art – zu verstehen gab, dass seine intellektuellen Fähigkeiten im Bezug auf die Bibel nichts bringen würden. Generell war es in der Gemeinschaft üblich, dass Priestern im Bezug auf das Verständnis der Schrift mehr zugetraut wurde als allen anderen, nicht nur wegen des Studiums der Theologie, sondern vor allem deshalb, weil sie eben Priester waren.

Wenn ich noch weiter nachdenken würde, fielen mir noch viele andere Beispiele ein, wie in dieser Gemeinschaft spirituell manipuliert wurde (und vermutlich immer noch wird).

Mein Vater bezeichnet es bis heute als „Gehirnwäsche“, die dort betrieben wurde. Unmittelbar nach meinem „Austritt“ wollte ich das nicht wahrhaben, aber heute denke ich anders darüber.

Als sehr schmerzvoll empfand ich damals jene Grenzverletzung, die es mir untersagte, einen geistlichen Begleiter, den ich schon vor Eintritt in die Gemeinschaft hatte und den ich bis heute schätze, weiter zu kontaktieren. Ich sollte mir jemanden aus der Gemeinschaft suchen. Auch einen Beichtvater innerhalb der Gemeinschaft zu haben, war mehr als üblich und wurde eigentlich erwartet.

Ich habe nun mit Doris Wagner beschrieben, was spiritueller Missbrauch ist und ein paar Aspekte des „Was geschah?“ skizziert. Weiter oben habe ich auch die Fragen gestellt, was den geistlichen Missbrauch begünstigt hat (auf der Seite meiner Person, nicht strukturell, das ist ein eigenes Thema) und warum ich ihm nicht entgegenwirken konnte. Dazu möchte ich aus meiner Biografie erzählen.

Grundsätzlich sind junge Menschen mit wenig Lebenserfahrung, die in vielen Hinsichten noch unreif sind, viel anfälliger für spirituellen Missbrauch als reife Persönlichkeiten, egal welchen Alters, die spirituell handlungsfähig sind.

In meinem Fall waren es neben Jugend, persönlicher Unreife und spiritueller und kirchlicher Unerfahrenheit vor allem auch Erfahrungen der psychischen und physischen Gewalt in Kindheit und Jugend durch meinen Vater, die mich als gebrochenen Menschen zunächst Liebe, Anerkennung und Geborgenheit in der Gemeinschaft der Kalasantiner erfahren ließen. Ich ließ mich anstecken von fröhlicher Musik im Gottesdienst, von tiefgehenden persönlichen Gesprächen mit Schwestern und Patres, von dem Gefühl, eine „Familie“ gefunden zu haben als Ersatz für jene, die ein paar Jahre zuvor durch Scheidung in Brüche gegangen war – meine Herkunftsfamilie. Ich konnte buchstäblich mein Glück nicht fassen, all das erleben zu dürfen. Ich sah mich und die Gemeinschaft plötzlich mit einer rosaroten Brille. Überhaupt war die Welt plötzlich schön.

Dazu kam, dass mich mein Studium der Handelswissenschaften, das ich damals betrieb, nicht erfüllte, mir keinen Sinn gab. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, einmal mit dem Erlernten in einem Betrieb zu arbeiten. Da war der Eintritt in die Gemeinschaft in mehrerer Hinsicht ein guter Weg: Eine neue Familie wartete auf mich, ich begann das Studium der Theologie, um meinem Glauben auf den Grund zu gehen und mehr darüber zu erfahren, ich musste mir keine Sorgen mehr um meine berufliche Zukunft machen. Auf einmal waren scheinbar alle Probleme gelöst. Mit der Aussicht, als Kleriker auch noch ein gutes Ansehen zu haben, Anerkennung zu erfahren UND dabei auch noch Gutes für andere zu tun fiel mir die Entscheidung, Ordenspriester werden zu wollen, leicht.

Richtig schwierig wurde es erst nach und nach, vor allem die letzten Monate und Wochen vor meinem „Austritt“, also meinem psychischen Zusammenbruch, waren seitens der Gemeinschaft unverantwortlich. Ich spürte zunehmenden Druck im Brustbereich, mein Denken funktionierte nicht mehr richtig, es war verlangsamt und sprunghaft, ich hatte massive Schlafstörungen und daher auch Schlafmangel – all das teilte ich den Verantwortlichen mit beziehungsweise sie hatten es mitbekommen. Es gab aber außer ein paar gut gemeinten geistlichen Ratschlägen keinerlei Reaktionen wie zum Beispiel die Vermittlung in eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Das Ergebnis war verheerend: Absoluter psychischer und körperlicher Zusammenbruch, Aufenthalt in drei Krankenhäusern, davon fast vier Monate in der Psychiatrie in Mauer in Niederösterreich.

Warum konnte ich spirituellen Grenzverletzungen nichts entgegensetzen?

Meine autoritäre Erziehung und die psychische und physische Misshandlung durch meinen Vater begünstigten meine Wehrlosigkeit gegen spirituellen Missbrauch zweifellos. Ich war es gewohnt, mich einer Autorität (meinem Vater, später dem Ordensoberen) unterzuordnen und fühlte mich dadurch auch in gewisser Weise „entlastet“. Das mag ungewöhnlich klingen, aber wenn man es gewohnt ist, sich unterzuordnen, verlernt man auch, sich selbst, seinem Gewissen, seiner inneren Stimme zu trauen. Wenn man aber für sich selbst nicht erkennt, was einem gut tut, dann vertraut man lieber einer Autorität, die es aus bestimmten Gründen vielleicht „besser weiß“. Noch dazu, wenn man in der Autorität so etwas wie ein Idol sieht, die von vielen angehimmelt, hofiert und verehrt wird.

Zudem geschehen Grenzverletzungen ja nicht von heute auf morgen, sondern es gibt meist einen graduellen Verlauf. Wenn man einmal in einem System geistlich gefangen ist und spirituell nicht handlungsfähig ist, dann toleriert man Grenzverletzungen leichter oder verteidigt diese sogar gegenüber anderen oder sich selbst.

Bei mir, und so geht und ging es vielen, war das Vertrauen da, dass mir in der Kirche nichts Schlimmes passieren könnte. Denn seitens der Geistlichen der Gemeinschaft wurde immer wieder betont, dass die Kirche an sich heilig sei und auch all das Schlechte, das in ihr geschehe, wieder dem Guten dienen würde. Außerdem war ein relativ ausgeprägtes Gut-Böse-Denken in der Gemeinschaft vorhanden. Mit der Hölle wurde zwar nicht gedroht, aber vieles, was nicht in die Spiritualität der Gemeinschaft passte, wurde in die Nähe der Werke oder der Machenschaften des Satans gerückt.

Es fand eine Abschottung nach außen hin statt, die dazu animierte, die Kontakte zu Familie und Freunden auf geringer Frequenz zu halten, was dazu führte, dass ich außerhalb der Gemeinschaft fast niemanden mehr hatte, dem ich Persönliches erzählen konnte. Dadurch ging  mir auch der Bezug zur „Welt da draußen“ fast gänzlich verloren. Dazu kam, dass Fernsehen oder Radiohören, wenn nicht gerade der Papst sprach, unüblich waren.

Es ist nicht „die eine Sache“ oder „der eine Grund“, warum ich dem spirituellen Missbrauch nicht entgegenwirken konnte, es war die Summe der angedeuteten Umstände, die zusammen dazu führten, dass ich mir einiges gefallen ließ, was meine spirituellen Selbstbestimmungsrechte verletzte.

Vielleicht werden sich manche, die das lesen, fragen, warum ich das veröffentliche. Ob ich der Kirche schaden möchte oder der Gemeinschaft, der ich angehörte. Darum geht es mir nicht. Ich habe während des Theologiestudiums in Linz, in vielen Fortbildungen danach und während meiner Zeit als Religionslehrer und Pastoralassistent die letzten fast 10 Jahre viel darüber nachgedacht, was damals in Wien eigentlich passiert ist, konnte es aber nie in die richtigen Worte fassen. Mir fehlte schlicht das passende Vokabular. Auf Grundlage des genannten Buches über den spirituellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist es mir nun möglich, zu erzählen, was mir passiert ist. Ich sehe dieses Erzählen als einen heilsamen Weg für mich selbst und vielleicht auch für andere. Die katholische Kirche ist mir nach wie vor Heimat, ich verstehe mich als kritisch loyal und möchte deshalb, dass das Bewusstsein über (spirituellen) Missbrauch IN der katholischen Kirche dazu führt, dass ein Umdenk- und Umkehrprozess in Gang kommt. Es ist höchste Zeit. Denn, wie Doris Wagner am Ende ihres Buches schreibt, wenn spiritueller Missbrauch das Ziel hätte, die Zahl an geistlichen Berufungen wieder zu erhöhen und die Kirchenbänke wieder zu füllen, dann wäre das eine komplette Bankrotterklärung der Kirche. Nur, wenn wir als Kirche Menschen dazu befähigen, spirituell (und auch sonst) handlungsfähig zu bleiben oder zu werden, nur dann hat diese eine reelle Chance, als Kirche Jesu wahrgenommen zu werden und damit an Glaubwürdigkeitsverlust nicht zu verenden. Weil die Glaubwürdigkeit der Kirche in Zukunft auch vom Ende des Klerikalismus und der Gleichstellung der Frauen abhängt, sollte nicht mehr viel Zeit vergeudet werden, diese Probleme zu lösen.

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Ich werde gezappt


[zappen: (beim Fernsehen) mit der Fernbedienung in rascher Folge den Kanal wechseln, auf einen anderen Kanal umschalten – Duden]

autoradio_by_motograf_pixelio-deBild: motograf / pixelio.de

Bei mir geht’s nicht um’s Fernsehen, sondern um’s Radio hören. Der „neue“ Gebrauchtwagen, den wir seit ein paar Wochen fahren, hat eine Macke: Von Zeit zu Zeit beginnt das Autoradio von selbst einfach zwischen den gespeicherten Radiosendern umzuschalten. Oft bleibt ein Sender dann nur für ein paar Sekunden hörbar. Spätestens nach drei Minuten hat der Spuk ein Ende und irgendein „zufälliger“ Sender bleibt eingestellt. Manchmal ist es auch so, dass die Lautstärke sich selbst „reguliert“ und das Radio von selbst leiser oder lauter wird. Wobei das lauter werden ziemlichen Stress bedeutet, wie man sich vorstellen kann.

Neulich zappte das Radio wieder einmal von selbst durch: Ich hatte Ö1 gehört – ein Gespräch mit dem österreichischen Kabarettisten Werner Schneyder. Plötzlich zappte das Radio auf den Sender FM4. Dort war – für ein paar Sekunden – Stefan Ruzowitzky zu hören. Ohnehin eine schwere Entscheidung, wem man lieber zuhört. Dann – nach ein paar Sekunden – wechselte das Radio zu Life Radio, dann zu Radio Oberösterreich, dann wieder zu Ö1, zu FM4 und so weiter. Bis es schließlich bei Radio Oberösterreich „hängen“ blieb.

Nach diesem Wechselszenario des Autoradios, bei dem ich mich „gezappt“ fühlte, kam mir der Gedanke, dass dieses automatisierte, kaputte Zappen irgendwie ein Sinnbild des Lebens ist. Denn unser Leben verläuft meiner Wahrnehmung nach oft ungeplant, unerwartet, wir werden mit Inhalten und Herausforderungen konfrontiert, die für uns nicht absehbar sind. Dabei geraten wir in gute Episoden und auch in weniger gute. So wie auch die Inhalte der Radiosendungen mal mehr, mal weniger Mittelmaß beinhalten. Und schließlich, wenn es uns für eine Zeit lang „durchgebeutelt“ hat, kehrt wieder Ruhe ein. Und wenn man Glück hat, ist diese Ruhe angenehm und das Leben hat einen Punkt erreicht, an dem man gerne auch eine Zeit lang verweilt.

Weil das automatische Zappen des Autoradios bzw. Boardcomputers nicht aufhört, habe ich mich damit arrangiert. Und ich denke immer wieder beim Fahren: Es komme so, wie es kommen soll. Das Einzige, das in meinen Händen liegt, ist die Lautstärke, die ich herunterdrehen muss, wenn es zu laut wird. Und auch das ist, wie ich finde, ein Sinnbild des Lebens. Denn es kommt immer darauf an, wie sehr man etwas an sich heranlässt, das einem widerfährt. Auf die „Lebenslautstärke“ sozusagen.

Science Busters – eine Predigt, eine Einladung


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Heute Abend waren Katharina und ich bei den Science Busters im Posthof in Linz. Es war ein wunderbarer Abend, „Forschung auf Weltniveau“ eben. Viele Schmunzler, einige Lacher, ein sympathischer MC Martin Puntigam, und ebensolche Wissenschafter: Florian Freistetter und Helmut Jungwirth.
Oft schon habe ich die Sendung im ORF gesehen. So auch am 12. April 2016. Am darauf folgenden Sonntag, dem 17. April, habe ich in der Pfarre Waizenkirchen Inhalte dieser Sendung bzw. die Science Busters in der Predigt erwähnt (Predigt hier abrufbar).
Einen Tag später habe ich dann getwittert:
https://twitter.com/sprichmitmir/status/722542458194763776 „Ich habe ja am Sonntag über die #ScienceBusters gepredigt. Es gibt da durchaus Anknüpfungspunkte.“

Daraufhin hat Florian Freistetter von den Science Busters geantwortet:
https://twitter.com/sprichmitmir/status/722542458194763776 „Wirklich? Eine Predigt über die Science Busters? Klingt interessant – dürfen wir da nach Details fragen?“

Ich hab ihm dann den Link zur Predigt geschickt und daraufhin die Einladung erhalten, das Programm „Science Busters – Saisonfinale“ als Gast zu besuchen.

Seit 2009 twittere ich nun – doch so etwas ist mir bisher nicht passiert. Ich sehe daran, dass das Internet, dass Social Media die Welt doch kleiner werden lassen. Ausserdem freut es mich, dass ich in diese Sendung eingeladen wurde, die doch einen relativ klaren atheistischen Geist hat.
Und nicht zuletzt möchte ich auch hier (wie in meiner Predigt) betonen, dass es wichtig ist, dass die Theologie mit anderen Wissenschaften im Gespräch bleibt – egal auf welche Art. Und das ist hier ansatzweise gelungen.
Danke Florian Freistetter, danke an die Science Busters für diese Offenheit!

Spiri-Caching


Spiri-Caching

Spiri-Caching in Micheldorf, Oberösterreich bei der Burg Altpernstein.

Herbst-Gehen


Ein Spaziergang mit Kinderwagen. Kinder helfen, wesentlich zu werden und den Blick für das Schöne zu weiten.



Israel-Nachlese


cc andreas fürlinger

In den Semsterferien im Februar waren wir mit einer Pilgergruppe in Israel. Gestern Abend gab es im Pfarrheim ein gemütliches Nachtreffen, um noch einmal im Schauen von Bildern und im Sich-Gemeinsam-Erinnern die Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Jede Reise braucht einen gewissen zeitlichen Abstand, um so „richtig“ zu wirken. Für meine Frau und mich waren deshalb die an die Leinwand geworfenen Bilder und die Kommentare der Gruppe eine gute Gelegenheit, noch einmal einzutauchen in einzelne Situationen, in die Atmosphäre im Land, in Gespräche und in das gute Essen, das macht auch etwas aus.
Wir waren uns am Tisch einig, dass wir einen guten Zeitpunkt erwischt hatten im Feburar, weil die Situation nachher angespannter wurde, es an der Grenze zu Ägypten zu Zwischenfällen gekommen war und am Sinai Entführungen bekannt wurden. Besonders amüsant war auch nach einem halben Jahr noch das Foto vom „brennenden Dornbusch“, unter dem der Feuerlöscher stand:

Die Stelle des „brennenden Dornbusches“ mit Feuerlöscher _ Bild cc andreas fürlinger

Wohl ein Sinnbild für unsere Welt: Gott ist da (Dornbusch), aber so ganz traut man ihm nicht (Feuerlöscher, das Feuer soll jederzeit gelöscht werden können).

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 

Moseberg (Sinai) _ Bild cc andreas fürlinger


Am Moseberg (Sinai) war es im Februar eiskalt.
Aber der Aufstieg war lohnend. Die Geschichte des Volkes Israel vorbeiziehen lassen in Gedanken, daran denken, was die jüdischen Brüder und Schwestern mit uns ChristInnen verbindet. Die Kargheit der Landschaft „einziehen“ lassen und den Beduinen vergönnt sein, dass der geführte Aufstieg länger als nötig dauert, weil die Lokale am Weg ihren Lebensunterhalt sichern.

Und schließlich wegen der neu aufgebauten Trennmauern den Psalm 18 memorieren, den Sieger Köder so schön ins Bild gebracht hat: „…mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Für viele in Israel leider keine Realität. Aber man darf der Versöhnung der Religionen genau so viel zutrauen wie der Kirche im Kleinen: Es beginnt immer mit zwei oder drei Menschen – so wird alles möglich.

Guter Start


6. Oktober – und die Sonne hat noch volle Energie
(Elefantengras-Blüten in unserem Garten)

Gut ein Monat ist der Start in Waizenkirchen her. Beruflich bin ich sehr glücklich, privat auch. Es war ein guter Start, übersät mit vielen Eindrücken und Ereignissen. Die ersten Gottesdienste in der Pfarrkirche, die ersten Schulstunden in der Hauptschule, Eine Nummer des Pfarrblattes, Starttreffen und -veranstaltungen der verschiedenen pfarrlichen Gruppen. Kennenlernen der anderen JugendleiterInnen in der Region. Kennelernen von vielen Menschen, von vielen Zusammenhängen. Eintauchen in ein Stück Geschichte einer gewachsenen Pfarre und nach vorne blicken in ein Stück Zukunft dieser Gemeinde.
Beim Jungscharstart gestern in Kopfing am Baumkronenweg ist mir die Puste ausgegangen. „Räuber und Gendarm“ spielen im Wald, da lassen mich meine paar überflüssigen Kilos gleich ins Schwitzen kommen. Super ist das, weil meine anderen sportlichen Aktivitäten eher so hinken. Und bei so einem Traumtagerl draußen sein – was gibt’s schöneres?

Alkoholfreie Cocktails und Musik – Startevent der KJ – Foto cc janhamlet/flickr

Eine erste Jugend-veranstaltung ist auch schon geplant – mein Büro und offenes JugendBüro im Pfarrhof möchte ich den Jugendlichen, die kommen, zeigen und die Katholische Jugend kurz vorstellen. Das ganze im Rahmen eines Cocktailabends. Nach dem Vorbild der „Barfuss-Bar“ (alkoholfreie Cocktails und Musik) freuen wir uns im Jugend-Team auf einen guten Auftakt für ein Jahr der KJ in Waizenkirchen.

Der Zauber des Anfangs weicht langsam der Arbeit des Anfangs… und das fühlt sich richtig gut an!

Update: Durchatmen!

Allem Anfang…


…wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben, heißt es in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“.

STUFEN (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Genau eine Woche vor Dienstbeginn als Pastoralassistent in Waizenkirchen erinnere ich mich an den Beginn des letzten Arbeitsjahres. An eine Tafel hatte ich auch dieses berühmte Zitat von Hermann Hesse geschrieben. Nun erinnere ich mich wieder daran. Ein Zauber. Er hilft und beschützt uns. Mich, und auch die Menschen in der Gemeinde, in der Pfarre. Ich mag es nicht gerne, hier zu trennen. Ein Ort ist keine Pfarre und eine Pfarre kein Ort. Wir globalisieren uns im Internet und im analogen Leben und deshalb gibt es für mich hier keine klaren Grenzen. Überhaupt gehören viele Grenzziehungen überdacht. Inklusion und Exklusion sind heute wirksame Mechanismen. Die Digitalisierung unserer Welt hat viele dieser Grenzen überwunden, andererseits aber auch viele neue entstehen lassen.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.

Ende und Neubeginn

Ein Ende. Es ist ein Ende. Nicht mehr die zermürbenden täglichen 160 km täglich nach Ried. Und eben Neubeginn, ein Lebensruf. Dieser Anfang bedeutet mir viel. Nach dem turbulenten Herbst und dem bewerbungsbedingt turbulenten Frühjahr stelle ich mich ein auf andere, neue Bindungen. Ich werde in die Lebensgeschichten vieler Menschen eintreten, teilhaben. Und viele Menschen werden mich teilhaben lassen an den eigenen Biografien, vielleicht nur an manchen Details oder Äußerlichkeiten, vielleicht aber auch an mehr. Wer weiß? Ich bin bereit, viel zu geben.

Vertrauen

Ein bisschen Mut und Tapferkeit gehört schon zu jedem Neubeginn. Natürlich, ein Jahr lang konnte ich bereits Erfahrungen in hauptamtlicher pastoraler Tätigkeit sammeln. Aber nun beginnt ein unbefristetes Dienstverhältnis. Das bedeutet auch ein gewisses Vertrauen. Das Vertrauen der diözesanen Verantwortlichen, die mich „ins Rennen“ schicken. Das Vertrauen eines Freundes, des Pfarradministrators. Das Vertrauen des Pfarrgemeinderates, den ich bereits kennenlernen durfte. Schließlich auch mein eigenes Vertrauen in die neue (Lebens-)Aufgabe. Ich blicke sehr gelassen in diese doch auch ungewisse Zukunft. Sicherheit gibt mir das Vorschussvertrauen des Pfarrgemeinderates und des Pfarradministrators, vor allem aber geben mir meine sehr stabilen Beziehungen tiefen und festen Halt. Meine Frau, meine Familien, meine Freunde. Und die Beziehung zu dem, der in mir wohnt und durch den ich lebe.

„Es ist alles fromm, was dem Leben dient.“

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!

Gerade erinnere ich mich an ein Gespräch. „Das ist aber nicht sehr fromm“, habe ich aufgenommen. Meine Antwort war: „Es ist alles fromm, was dem Leben dient.“ Diese Ansicht ist vielleicht etwas weit zum Fenster hinausgelehnt, aber dazu stehe ich. Schließlich und endlich geht’s darum, was dem Leben dient, was in die Weite führt. Die (gedankliche) Enge macht nervös, ängstlich, unfrei. Deshlab freue ich mich auch auf die Hauptaufgabe in Waizenkirchen: Die Arbeit mit den / für die Jugendlichen. Es ist ein Unterschied zwischen fromm und fromm. Was die einen für besonders fromm halten, ist für andere lächerlich und umgekehrt. Aber das soll nicht im Mitttelpunkt stehen. Was dem Leben dient, ist fromm. Auch wenn nicht das Schild „kirchlich genehmigt“ dranhängt.

Spielend leicht

Eines der Dinge, die ich mit Leidenschaft und großer Hingabe mache, ist Spielen. Es ist das Abtauchen in eine andere Welt, das so faszinierend ist. Jemand anderer sein dürfen, wie im Fasching. Etwas ausprobieren, wie ein Kind. Sich ausklinken, wie ein Urlauber. Sich reinsteigern, wie ein Besessener. Das Verlieren lernen, wie ein Mensch. Siegen, wie ein König. Und das alles in vielleicht einer halben Stunde. Unfassbar, wie verdichtet sich das Leben im Spiel abspielt. Der spielende Mensch, der „homo ludens“ ist für mich der Inbegriff des gelungenen Lebens. Wer verlernt hat, spielerisch mit der Welt, den Mitmenschen, sich selbst umzugehen, dem fehlt etwas. Ein wenig Beweglichkeit, vielleicht Humor, vielleicht auch Tiefe.

Spiel und das spielerische Umgehen bringt Leichtigkeit, weitet Herz und Gedanken. Vielleicht kann und darf ich auch davon etwas einbringen in mein neues berufliches und menschliches Umfeld.

Gehen für den Frieden


Seit ein paar Tagen spüre ich eine relative Unruhe in mir. In der Schule habe ich noch für meine Klasse einiges zu regeln, die neue Arbeit ab September geistert mir schon in Kopf und Herz herum und auch privat erlebe ich eine emotional starke Zeit. Dazu kommt, dass ich einige freie Stunden eher vor dem Computer verplempert habe, als die Sonnenstunden in der Natur zu nutzen. Zeiten der ungewollten Oberflächlichkeit und der persönlichen Tiefe haben sich in einer bedrückenden Weise vermischt. Jedenfalls spürte ich, dass mir eine Zeit alleine und gehen gut tun würden. Also Computer ausgeschaltet, raus Richtung Donau, alleine spazieren. Ein Gedanke drängt sich in den Vordergrund: „Traue keinem Gedanken, der nicht beim Gehen entstanden ist.“ Es ist ein Satz aus der ORF-Fernsehsendung „Der Wanderer“ und stammt (sinngemäß) von Markus Schlagnitweit.

Während des Gehens spüre ich zunehmend Boden unter den Füßen. Zwei, drei sehr wichtige Impulse für die unmittelbare Zukunft fallen mir ein. Ich nehme mir fest vor, sie so bald als möglich umzusetzen. Am Rückweg vom Spazierengehen treffe ich „Lülü“, wie er sich nennt. Er ist Franzose und ist unterwegs nach Betlehem.

Er spricht gutes Deutsch und wir reden ein paar Minuten, in denen wir nebeneinander hergehen. 15 bis 20 Kilometer schafft er am Tag, sagt er. Heute will er noch nach Linz, dann weiter nach Wien, Budapest, Sofia – bis nach Betlehem. Der Mann konnte mir in ein paar Minuten des Gesprächs das geben, wonach ich suchte: Festheit, Entschlossenheit, meine Spur wiederfinden, Frieden. Wir verabschiedeten uns an einer Wegkreuzung – ich fragte ihn noch, ob ich ihn mit seinem Esel fotografieren dürfe. Natürlich.

 

Towelday- Handtuch ahoi


Heute ist Towelday

Mein Beitrag:

Towelday

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