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Science Busters – eine Predigt, eine Einladung


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Heute Abend waren Katharina und ich bei den Science Busters im Posthof in Linz. Es war ein wunderbarer Abend, „Forschung auf Weltniveau“ eben. Viele Schmunzler, einige Lacher, ein sympathischer MC Martin Puntigam, und ebensolche Wissenschafter: Florian Freistetter und Helmut Jungwirth.
Oft schon habe ich die Sendung im ORF gesehen. So auch am 12. April 2016. Am darauf folgenden Sonntag, dem 17. April, habe ich in der Pfarre Waizenkirchen Inhalte dieser Sendung bzw. die Science Busters in der Predigt erwähnt (Predigt hier abrufbar).
Einen Tag später habe ich dann getwittert:
https://twitter.com/sprichmitmir/status/722542458194763776 „Ich habe ja am Sonntag über die #ScienceBusters gepredigt. Es gibt da durchaus Anknüpfungspunkte.“

Daraufhin hat Florian Freistetter von den Science Busters geantwortet:
https://twitter.com/sprichmitmir/status/722542458194763776 „Wirklich? Eine Predigt über die Science Busters? Klingt interessant – dürfen wir da nach Details fragen?“

Ich hab ihm dann den Link zur Predigt geschickt und daraufhin die Einladung erhalten, das Programm „Science Busters – Saisonfinale“ als Gast zu besuchen.

Seit 2009 twittere ich nun – doch so etwas ist mir bisher nicht passiert. Ich sehe daran, dass das Internet, dass Social Media die Welt doch kleiner werden lassen. Ausserdem freut es mich, dass ich in diese Sendung eingeladen wurde, die doch einen relativ klaren atheistischen Geist hat.
Und nicht zuletzt möchte ich auch hier (wie in meiner Predigt) betonen, dass es wichtig ist, dass die Theologie mit anderen Wissenschaften im Gespräch bleibt – egal auf welche Art. Und das ist hier ansatzweise gelungen.
Danke Florian Freistetter, danke an die Science Busters für diese Offenheit!

„Was mich bewegt“ oder „Die Möglichkeiten des Miteinanders“


Bild: flickr / stoha
Die Möglichkeiten des „Miteinanders“ sind weit vielfältiger als jene des „Gegeneinanders“

Ich versuche herauszufinden, zu welchem Datum ich Facebook beigetreten bin. Das sollte durch eine ergoogelte Anleitung leicht sein. Naja, fünf Minuten später bin ich fündig. Der entscheidende Hinweis auf “gutefrage.net” lautete: “Schau in deinen Emails nach ‘Facebook-Registrierung’”. Also: Seit 26.1.2009 bin ich bei Facebook registriert. Eine ganz schön lange Zeit, die ich da schon dabei bin. Ein halbes Jahr habe ich pausiert. Facebook-Fasten war sehr modern. Anschließend habe ich weniger gepostet. Dann wurde es wieder mehr. Dann wieder weniger. Im selben Jahr, 2009, registrierte ich mich auch bei Twitter. Waren es Ende 2009 rund 18 Millionen Twitter-User weltweit, sind es derzeit so um die 305 Millionen Nutzer. Bei Facebook beobachtet man eine noch rasantere Entwicklung. Die Zahl der Nutzer_innen stieg von rund 300 Millionen (monatlich aktiv) im Jahr 2009 auf fast 1,3 Milliarden Nutzer_innen Anfang 2016. Bei ca. 7,4 Milliarden Menschen Weltbevölkerung. Ich spare mir die Zahlen für pinterest, instagram oder den neuesten Trend snapchat. Ich versuche für mich zu klären, warum ich das so lange durchgehalten habe bisher. Mögliche Gründe fallen mir schnell ein: Mitteilungsbedürfnis, Informationsaustausch, -beschaffung und -weitergabe, Befriedigung der täglichen Dosis Humor. Kürzlich erst habe ich mit einem Medienarbeiter gesprochen, der meinte: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Facebook, Twitter und Co in sich selbst zusammenbrechen. Aber was dann? Zurück zu einer internetlosen Kultur oder einfach ein Ausweichen auf andere Plattformen (studiVZ ist ja auch gestorben)? Ich bin sehr unschlüssig, tippe aber auf einen steten Wandel und eine stete Verschiebung von Inhalten von einer Plattform zur nächsten.
gutefrage.net ist übrigens meine Lieblingsseite, wenn ich Suchergebnisse durchstöbere. Nicht.

Ohne Überleitung zur Flüchtlingsfrage

Überleitungen werden überwebewertet. Daher hinein ins Thema. Wir diskutieren über Zäune, als hätten wir nicht gerade erst den Eisernen Vorhang für überwunden geglaubt. Wir diskutieren über Obergrenzen, als würden Waffenexporte den Menschen in Syrien, im Irak oder in Teilen Libyens eine Wahl lassen. Wir reden über eine gerechte Verteilung der geflüchteten Menschen (und es sind immer noch Menschen!) innerhalb Europas, als habe es in Europa jemals Gerechtigkeit gegeben und als wäre die EU mehr als eine Wirtschaftsunion. Wir sehen Erscheinungsformen der organisierten Angst wie Pegida. Oder Parteien, die aus dieser Angst Kapital schlagen, wie die FPÖ oder die AfD in Deutschland. Und manch aufgeklärter, halbwegs gebildeter und gutherzige Mensch sitzt nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag dann ungläubig vor dem Fernseher und glaubt nicht recht, was da vor sich geht, wenn Flüchtlingsheime oder Roma-Zelte brennen, wenn die Stimmung in Teilen der Bevölkerung eher stark als schwach an jene Zeit erinnert, an die ich mich selbst mangels Lebensalter zwar nicht zurückerinnern kann, die aber ein guter Geschichtsunterricht in den 1990er Jahren mehr als ausgiebig behandelte. Fehlt einfach die Fähigkeit des Menschen, aus der Geschichte zu lernen? Wie können wir in Europa heute Menschen aus der Pflichtschule entlassen, die blinde Flecken im unverzichtbaren Geschichtswissen der Jahre 1939 bis 1945 (und davor und danach) haben? Wenn wir aber sehen, dass es schon manchmal an den Grundrechnungsarten und an halbwegs brauchbarem Deutsch mangelt, wundert man sich nicht mehr so stark.
(Feiner Humor des Twitterers @Darth_Lehrer: “Ich fahr jetzt IKEA.” “ZU IKEA!” “Fahr ich halt morgen IKEA.”)
Um es abzukürzen: Wir brauchen Visionäre der Liebe und Ermutiger, denn Kritiker hat die Welt genug. Wir brauchen Menschen, die nicht vergessen haben, dass wir nur EINE Welt haben. Die wissen, dass es eine “Gnade des Geburtsortes” gibt, die im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheidet. Wir brauchen Menschen, die hitzige und unsinnige Diskussion entschleunigen und die Fähigkeit haben, Menschen ins Gespräch zu bringen. “Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr”, sagte der Dalai Lama. “Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten.” Hätten die Parlamentsklubs der österreichischen Parteien ein Stammbuch – das würde ich ihnen hineinschreiben. Ich denke, wir brauchen auch keine politischen Zuordnungen wie “links” oder “rechts”. Und wir brauchen daher folglich auch keine “Mitte”. Vielmehr brauchen wir ein neues “Miteinander”. Die kommunikativen Grundrechnungsarten wie “Zuhören, Empathie, Ausreden lassen, den anderen verstehen WOLLEN” müssen Konjunktur bekommen. Und nein, früher war das NICHT besser. Nur anders.

Ungleichheit

Wie kann es sein, dass 62 Einzelpersonen so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung? 53 dieser 62 Menschen sind übrigens Männer. Außerdem besitzt 1 Prozent der Weltbevölkerung so viel wie die restlichen 99 Prozent zusamen. Welche Emotionen sind angesichts dieser Tatsachen angebracht? Wut? Enttäuschung? Frustration? Resignation? Wohl ein Mischung aus diesen. Wohin steuert eine Welt, in der solches möglich ist?
Es gibt eine (älter als die) biblische Tradition des “Jobeljahres”. Es ist ein Jahr der “Freilassung”. Gemeint sind Sklaven, aber auch Grund und Boden sollten nach 50 Jahren wieder “gerecht” verteilt werden. Ausserdem sollten nach 50 Jahren alle Schuldurkunden vernichtet werden.
Das wäre doch etwas, alle 50 Jahre ein “Jobeljahr”? Verschuldete arme Staaten, die in Abhängigkeiten von anderen Staaten stehen, könnten aufatmen, Menschen bekämen plötzlich neue Lebensperspektiven, Ausbeutung fände ein Ende. Es klingt wie ein Sieg der Vernunft.
Aber wo stehen wir? Frauen sind nach wie vor die Verliererinnen der neoliberalen Wirtschaftssysteme, Entwicklungsländer geraten in immer stärkere Abhängigkeiten, ein ganzer Kontinent ächzt unter der Last der weltweit beheimateten Peiniger.
Der für mich momentan einzig mögliche Weg, aus dieser Situation herauszukommen, ist eine Veränderung der Gesellschaft weg von der Konsumorientierung hin zu einer Gemeinwohl-Orientierung. Projekte in dieser Richtung gibt es genug. Sie reichen von der “Bank für Gemeinwohl” über “Micro-Kredite” bis hin zu “Repair-Cafes”. Die Möglichkeiten des “Miteinanders” sind weit vielfältiger als die Möglichkeiten des “Gegeneinanders”. Diese Überzeugung lässt mich jeden Tag zufrieden einschlafen. Denn sonst müssten einem ja die Haare, so man noch welche hat, zu Berge stehen angesichts der weltweiten Schieflagen.

Ad God as friend on facebook – SpiriNight für Firmlinge



Clara Hirschmanner und ich hatten das Vergnügen, bei der diesjährigen SpiriNight 2012 einen Workshop für Firmlinge zu halten. Die SpiriNight ist eine Spirituelle Nacht für Firmlinge mit Workshopangeboten und Gottesdienstfeier im Dom.

Angestachelt und mit Unterstützung von Andrea Mayer-Edoloeyi, Social Media Managerin der Diözese Linz, begannen wir unsere Planungsarbeit. Zu Beginn legten wir so wenig als möglich fest. Nämlich den Titel und die Ausschreibung des Workshops. „Ad God as friend on facebook“ wurde unser Titel, der Rest lautete: „Neue FreundInnen auf Facebook – gefällt mir. Reden über Gott und die Welt – gefällt mir. Wir basteln gemeinsam was im Internet. Bring‘ unbedingt dein internetfähiges Handy oder deinen Laptop mit!“

Relativ schnell stand fest, dass es eine Facebook-Seite werden sollte, die wir gemeinsam mit den Firmlingen gestalten. Die Überlegungen von Clara waren unter anderem:
– Gott via Facebook erleben
– Gemeinschaft
– Anerkennung
– Bestätigung
– Teilen
– Fotos, Videos
– Individualität
– Anstupsen
– Leute schaffen von sich selbst ein Bild, wie sie sein möchten.
– Konkurrenz um die Likes bei neuen Pics.
– Besinnung auf meine Einzigartigkeit.
– Massenmedien führen zur internationalen Standardisierung: Bsp. Serien.
– Eigene Individualität und Kultur gefährdet.
– Spuren Gottes suchen mitten im Alltag.

Am Ende hatten wir uns entschlossen, die Seite „G*d“ bzw. „godasfriend“ zu nennen.
Die 15 Firmlinge, die kamen, arbeiteten in fünf Dreiergruppen zu diesen Bereichen der Seite:
Titelbild, Profilbild
Info
Albumfotos
Welche FB Seiten passen dazu (Gefällt mir-Angaben der Seite)
Chronik/Posts/Meilensteine

Wir hatten einen tollen Raum im Bischofshof zur Verfügung, ausgestattet mit WLAN, Beamer, genug Platz auf Tischen zum workshopen. Zu Beginn der Gruppenphase befreundeten wir uns mit den Firmlingen auf facebook, machten sie zu AdministratorInnen der Seite und legten dann los.
Obwohl manche von ihnen nur Handys zum Arbeiten hatten (Missverständnis in der Organisation – die Firmlinge sollten einen Laptop mithaben), entstand ein ganz guter Anfang für eine Seite von „Gott“, von denen es übrigens mehrere gibt.
Ein sehr schönes Titel- bzw. Profilbild wurde gefunden, Bilder mit Bibelversen, ein Fotoalbum „Natur“ und Fotos der Firmlinge beim Workshop wurden auf der Seite gepostet. Die Info wurde knapp befüllt mit „Aufgabe: Menschen helfen. Beschreibung: Gott bewahrt uns vor so manchen Fehltritten. Produkte: Frieden.“ Bei den „Gefällt mir“ Angaben der Seite fanden sich am Ende „Jahwe“, „Real Madrid CF“, „Gott“, „chillen“ sowie „Judentum“. In einem Post am Ende des Workshops wurde noch darüber abgestimmt, wo bei der Heimfahrt eingekehrt werden sollte.

Wir baten die Firmlinge im Alter von 13 bzw. 14 Jahren natürlich auch um ein ehrliches Feedback. Dazu wählten wir die „Daumen hoch“ Methode. Wer den Workshop wieder machen würde und wem dieser gefallen hatte, der sollte den Daumen hoch zeigen, wer es nicht wusste, die Mittelposition wählen und wem es nicht gefallen hatte, der sollte den Daumen nach unten zeigen. Wir fragten, wie es gewesen wäre, hätten alle einen Laptop zum Arbeiten gehabt (denn das war schon ein starkes Handicap). Sehr erfreulich, dass fast alle Daumen oben waren.
Die Rückmeldungen waren ungefähr „Cool, dass man sich auch auf diese Art mit Gott und dem Glauben beschäftigt“.

Der Abschluss der SpiriNight war ein Gottesdienst im Neuen Linzer Dom.

Würde ich den Workshop wieder machen? Auf jeden Fall. Nur die Organisation bzw. die Zusammenarbeit mit der Pfarre müsste besser klappen.

Jetzt bleibt die Frage: Wo ist diese Facebook-Seite zu sehen?
Ein Firmling (Seiten-Admin) hat die Veröffentlichung der Seite zurückgezogen. Das nehmen wir natürlich ernst. Da wir vergessen hatten, sie zu fragen, wie es mit der Seite weitergehen soll, halten wir uns nun an diesen Schritt des Jugendlichen. Aber es wäre durchaus denkbar, die Seite weiterzubetreiben, sie ein wenig umzugestalten und ihr noch mehr Leben einzuhauchen. Denn bestimmt würde es dem oder der einen oder anderen gefallen, mit Gott auch auf facebook befreundet zu sein. Oder?

Social Media sind für die Kirchen gemacht


Ich habe kurz den Artikel „Social Media are made for Church“ (englischer Artikel) ins Deutsche übersetzt, weil ich denke, dass er etwas Wichtiges betont: Social Media bringen das, was Glaubensgemeinschaften schon immer gemacht haben, voran.

Bild: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com / pixelio.de


Hier meine (verkürzte) Übersetzung:

1. Technologie beschleunigt. Es gibt kaum Technologien in der Menschheitsgeschichte, die verlangsamt hätten.
2. Social Media sind besser geeignet, Gemeinschaft auszudrücken (express) als zu kreieren (create).
Sie bringen unsere Fähigkeit voran, uns mit bestehenden Communities zu verbinden, diese zu kommunizieren und (mit-)zu teilen.

Social Media bieten für Kirchen und religiöse Gemeinschaften viele Werkzeuge, um die Gemeinschaften, die in Orden, Pfarren Synagogen oder Moscheen bereits gepflegt werden, zu kommunizieren (express) und zu teilen (share). Menschen in Glaubensgemeinschaften machen auf einer normalen Basis all das schon, was soziale Netzwerke beschleunigen und verbreiten:
Menschen verbinden, sich kennen- und verstehen lernen, miteinander intergaieren und am eigenen Leben teilhaben lassen.

Manche denken vielleicht: Warum öffentlich? Ist Glaube nicht Privatsache? Ja und nein.
Im Unterschied zu manchem, das man wirklich nur mit wenigen Menschen teilt, gibt es auch Dinge, die sollte eine Kirchengemeinschaft mit so viel als möglich anderen Menschen teilen wollen, weil sie zur Teilnahme an dem einladen, was gut ist.

Social Media Werkzeuge und Netzwerke bieten Glaubensgemeinschaften die Möglichkeit, Einblicke in das engagierte Gemeinschaftsleben zu geben. Um andere einzuladen werden auch ohne Social Media Zeit und Ressourcen eingesetzt.

Können Social Media den natürlichen Prozess der Gemeinschaftspflege voranbringen?

Soziale Netzwerke und Real-Life


Irgendwo habe ich einmal „aufgeschnappt“, dass ein durchschnittliches Blog (Weblog) ca. 10.000 mal angeschaut wird pro Jahr. Dass ich dieses Faktum ohne Quelle angebe, ist schon ein Hinweis auf eine (Netz)Realität. Mit (geistigem) immateriellem Eigentum wird anders umgegangen. Denn durch das teils 1000-fache „Sharen“ – Teilen – von Inhalten verändert sich Kommunikation, sowohl wegen der Fülle an Informationen als auch wegen der deswegen notwendigen und unausweichlichen Filterung, die gleichzeitig eine Veränderung bedeutet. 10.000 Blog-Aufrufe im Jahr, davon bin ich ein Stückchen entfernt, weil ich schon seit April 2009 blogge, aber die Klickraten haben sich vermehrt.

Vernetzte Welt

Bild: Gerd Altmann/moshxl.de / pixelio.de


Die Möglichkeit, frei im Internet zu publizieren und zu erfahren, dass sich andere Menschen, auch aus anderen Ländern, für die eigenen Inhalte interessieren oder vielleicht sogar davon profitieren, finde ich gut. Aber nicht nur der „Mehrwert“ für andere steht bei einem Auftritt im Internet im Vordergrund. Mich selbst darzustellen, meine Präsenz im Internet selbst in die Hand zu nehmen und nicht anderen zu überlassen, gehört für mich als nicht nur real-personal vernetzter Mensch dazu. Meine Profile auf Facebook, Twitter, Google+ und anderen Diensten geben mir Möglichkeiten in die Hand, die ich gerne nutze.

Seit Beginn meiner intensiven Internet-Nutzung habe ich manches dazugelernt.

Beim Einstieg in die sozialen Netzwerke wie StudiVZ, Facebook und Twitter war ich einerseits restriktiver, was Privatsphäre(einstellungen) angeht, andererseits haben private Inhalte dominiert. Dieses Verhältnis hat sich, durch eine (versuchte) professionellere Handhabung dieser Dienste, verändert. Inzwischen filtere ich gezielter, wähle sorgfältiger aus und beobachte genauer, wie andere auf mein Verhalten und das Verhalten anderer reagieren. Nachrichten aus dem „sehr persönlichen“ Bereich habe ich reduziert.
Für mich geht die große Faszination sozialer Netzwerke davon aus, dass sie sich wechselseitig beeinflussende Kommunikation auf vermischter digital-realer Ebene mit gegenseitiger Restriktion und Filterung der Inhalte darstellen. Das hab ich nun etwas protzig wissenschaftlich formuliert, aber es fasst gut zusammen, was ich mag. Der besseren Übersichtlichkeit halber hier meine Beobachtungen in Listenform:

Kommunikation (auch) in sozialen Netzwerken heißt:

1. Vermischung der digitalen und (ebenso gefilterten) realen Ebene menschlicher Kommunikation (es ist meiner Meinung nach ein Irrtum, zu glauben, dass real-menschliche Kommunikation ungefiltert passiere. Außerdem ist auch Firmen- bzw. Marken-Kommunikation immer noch menschliche Kommunikation).
2. Vermischung der digitalen und realen Interaktion (etwa durch Informationen über Veranstaltungen, die ich entweder ohne reale oder ohne digitale Beziehungen nicht wahrgenommen und eventuell besucht hätte).
3. Die wechselseitige Beeinflussung des digitalen und realen Verhaltens durch das jeweils andere (beispielsweise ein Blogbericht über meinen ernst gemeinten Vorsatz, das Rauchen aufzugeben als sich digitales Rückversichern, Bestätigen und Verfestigen des realen Vorhabens).
4. Die Einflussnahme von persönlichen (digialen oder realen) Erfahrungen auf das digitale oder reale Verhalten (so wie beispielsweise die Wahrnehmung und Einflussnahme von Zustimmung – „Likes“ bzw. „Lob“ – auf zukünftiges Verhalten).
5. Und es gibt noch viele weitere Elemente des Zusammenwirkens und Sich-Gegenseitig-Beeinflussens von realen und digitalen sozialen Netzwerken.

Was heißt das ganz konkret?

1. Durch meine (Inter-)Aktionen in sozialen Netzwerken habe ich meine realen Netzwerke vergrößert und umgekehrt.
2. Zuerst Privates (Facebook-Nutzung) spielte plötzlich auch beruflich eine Rolle (Betreuung eines Facebook-Accounts).
3. Es gibt mir ein gutes Gefühl, öffentlich zu meinen Überzeugungen zu stehen (Meinungen in Blog-Einträgen, Foren, Profilen) und diese auch verändern zu dürfen/können.
4. Ich mag es, mir ein (gefiltertes, aber neutraleres und mehrdimensionaleres) Bild von Organisationen und Personen machen zu können.

Fazit:

Ich halte es für sinnvoll und für manche Bereiche der Berufswelt notwendig, sich sozial-medial zu beteiligen, und sei es nicht aktiv, dann zumindest als Konsument. Denn die klassischen Medien (Radio, Fernsehen, Zeitung, Bühne) halten nicht mehr genug Informationen bereit, um sich ausreichend zu „bilden“ (ich verwende dieses Wort hier absichtlich anstatt „informieren“).

Unbeschadet all dessen bin ich fest überzeugt, dass die wichtigsten Informationen nur von Herz zu Herz ausgetauscht werden können – denn die Sensorik des Herzens und des Gewissens sind größtenteils untrügerisch.

Herr Kleux und die Weihnachtsaktion


Herr Kleux ist ein guter Mensch. Er wohnt in der Tannengasse 13a im zweiten Stock in der Wohnung 7. Schon seit 14 Jahren mittlerweile. Er ist Junggeselle aus Überzeugung und investiert deshalb ziemlich viel Zeit in seinen Beruf als Redakteur bei der Regionalzeitung, dem „Stadtkurier“. Leitender Redakteur ist er mittlerweile. Vor zwei Jahren hat er seinen Vorgänger, der zur Konkurrenz gegangen ist, abgelöst.

Zu Beginn der Weihnachtszeit hat sich Herr Kleux dieses Jahr etwas Besonderes einfallen lassen. Er will Herrn Rogel seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: Ein Auftritt des stadtbekannten Schulchores in seiner Wohnung.
Schon seit eineinhalb Jahren ist Herr Kleux auf Twitter mit Herrn Rogel befreundet, der in derselben Stadt lebt. Über dieses soziale Nachrichten-Medium organisiert sich Herr Rogel sein Leben. Da er ein Pflegefall ist, kommt er selten aus seiner Wohnung raus. Frau B. erledigt die Einkäufe für ihn, Herr S. kümmert sich um die Post, Frau M. schupft den Haushalt. Und noch einige andere helfen Herrn Rogel, sein Leben zu meistern. Denn Familie hat er keine mehr.

Herr Kleux will dieses soziale Projekt zur diesjährigen Weihnachtsaktion der Regionalzeitung machen. In den Redaktionssitzungen Anfang Dezember stellt er seine Idee vor und bittet einen Mitarbeiter, persönlichen Kontakt mit Herrn Rogel aufzunehmen und ein erstes Interview mit ihm zu machen. Mitte Dezember ist Herr Rogel auf der Titelseite des Stadtkuriers zu sehen. Daneben ein Bild des Schulchores, den er bei jedem Auftritt im Radio gehört hat. Sein Wunsch soll also wirklich in Erfüllung gehen. Am 24. Dezember wird „sein“ Chor bei ihm in der Wohnung singen. Herr Kleux ist glücklich, dass er etwas Gutes in die Wege geleitet hat. Und für die Zeitung ist es auch gut. Neben Sex, Kriminalität und Haustieren steigern auch soziale Aktionen die Leserzahlen.

Es ist der 22. Dezember und Herr Kleux ist mehr als gestresst. Werbekunden, die lästig sind, die Zustellung der Zeitung hinkt, weil viel Schnee gefallen ist die letzten Tage. Verärgerte Kunden am Telefon, der Posteingang seiner Emails quillt über. Herr Kleux ist eine ruhige Person, aber mittlerweile freut er sich auf den 24. Dezember, denn um 18 Uhr wird er die Redaktion verlassen und nichts mehr von der Zeitung wissen wollen. Da wird er dann auf Facebook und Twitter allen Freunden noch frohe Weihnachten wünschen. Bei Herrn Rogel will er sich dann am 25. Dezember via Twitter erkundigen, wie er den Besuch des Schulchores erlebt hat. Denn um 19 Uhr will er am Heiligen Abend nicht mehr im Dienst sein.

Nun ist er also da, der Heilige Abend. Alles ist sich für Herrn Kleux ausgegangen. Werbekunden sind zufrieden, die Leser auch, die Mitarbeiter durften um 16 Uhr nach Hause. Um 18 Uhr geht auch er als letzter aus der Redaktion. Es ist schon ziemlich ruhig in den Straßen der Stadt. Dunkelheit, Weihnachtsbeleuchtung und Christbäume zieren die Plätze und Häuser. Als Junggeselle will er diesen Heiligen Abend Essen gehen. Noch kurz in die Wohnung, um zu duschen und in einen feinen Anzug zu schlüpfen. Eile hat Herr Kleux heute nicht. Er schlendert den Weg von der Redaktion zur Tannengasse nach Hause. Heute geht er zu Fuß. Kurz vor 19 Uhr öffnet er den Hauseingang, geht die Treppe hoch in den zweiten Stock und schließt seine Wohnungstür auf und hinter sich zu. In der Nebenwohnung dürfte sich die Großfamilie angesagt haben, denn es ist ziemlich laut, es wird gelacht und geredet. Was genau, hört Herr Kleux nicht, obwohl die Wände dünn sind.

Plötzlich ist es vollkommen still in der Nachbarwohnung. Weihnachtliche Lieder erklingen, Herr Kleux versucht sich zu erinnern, weshalb ihm die Musik so vertraut ist. Ja, das hat er im Advent mehrmals im Radio gehört. Das ist… Das ist doch der bekannte Schulchor aus der Stadt. Jetzt wird Herrn Kleux etwas flau im Magen. Sein Nachbar? Herr Rogel wird doch nicht…

Herr Kleux schaltet den Computer ein, steigt ins Internet ein. Twitter, Herr Rogel. Tannengasse 13a/8 hat dieser als Adresse öffentlich angegeben. Das hat Herr Kleux bisher überlesen in den eifrigen Konversationen im Netz. Er wartet unentspannt auf das letzte Lied des Chores, hört wie wieder geredet wird. Im Treppenhaus vor seiner Tür wird es etwas lauter, die Schülerinnen und Schüler gehen die Stiegen runter. Es wird leiser, der letzte Schüler lässt die Haustür ins Schloss fallen. Nun traut sich auch Herr Kleux auf den Gang. Er geht zu seinem Wohnungsnachbarn und läutet. Es surrt. Die Tür geht auf und Herr Kleux tritt in die Wohnung, in der er noch nie gewesen ist. Alte Möbel, aber alles stilvoll. „Kommen sie näher“, sagt der Mann im Bett zum Chef der Stadtzeitung. „Wollen wir uns eine Pizza bestellen und zusammen essen? Ich war gespannt, ob sie’s rauskriegen, dass ich ihr Nachbar bin.“ Er lächelt. Da laufen dem Herrn Kleux die Tränen über die Wangen. „Es ist mir so peinlich, Herr Rogel. Bitte entschuldigen sie, Herr Rogel. Wie kann man nur so blind sein? Ich bin seit 14 Jahren ihr Nachbar und noch nie habe ich angeklopft. Es ist mir so peinlich.“
„Bestellen sie uns eine Pizza? Und vielleicht ein Fläschchen Rotwein?“
„Das machen wir“, lächelt nun auch Herr Kleux.
Es ist Heiliger Abend. Es ist Weihnachten.

Eine Weihnachtsgeschichte von Andreas Fürlinger

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